Zum Umgang mit der Bibel oder die Frage: „Ist einem Christen physische Selbstverteidigung erlaubt?“

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Zum Umgang mit der Bibel oder die Frage: „Ist einem Christen physische Selbstverteidigung erlaubt?“

Rainer Langlitz
Veröffentlicht von Rainer Langlitz in Essays · 10 Februar 2023
Zum Umgang mit der Bibel oder die Frage: „Ist einem Christen physische Selbstverteidigung erlaubt?“
 
 
Man könnte aus obiger Frage folgern, dass es tatsächlich Menschen gibt, die fordern,

 
 
  1. dass der Bibel als mögliche göttlich inspirierte Schrift besondere Autorität zukäme.
  2. dass der Gläubige mehr an diese Schrift zu glauben habe als weniger an Gott selbst.
  3. dass einzelne Aussagen aus dieser Schrift jeweils genauestens zu befolgen seien.

Die eingangs gestellte Frage „Ist einem Christen physische Selbstverteidigung erlaubt?“ bezieht sich sehr wahrscheinlich auf die Bibelstelle Matthäus 5, 39, wo es heißt:

"Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wenn jemand dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar."
     

Dazu direkt (m)ein Gegenargument:
 

Die medizinische Versorgung ist heute eine völlig andere als in der Antike bzw. in den ersten Jahrhunderten vor bzw. nach Christus. Heutzutage therapiert die Medizin Menschen mit Psychosen durch Anti-Psychotika bzw. Neuroleptika und nicht - wie es in der Bibel beschrieben wird – durch Geisteraustreibung (Exorzismus) bzw. durch Wunderheilungen.

 
Allein durch dieses simple Beispiel aus der Medizin ist deutlich erkennbar, dass der Bibel eine völlig andere Zeit, Kultur und demzufolge auch eine völlig andere Rechtsauffassung zugrunde liegen. Allein daraus sollte folgen, dass die Bibel für den modernen Menschen so nicht mehr zu Rate gezogen werden sollte à la: „Was steht denn in der Bibel zum Thema „Selbstverteidigung“ und wie sollte / muss ich mich dementsprechend verhalten?“ Vielmehr ist die Bibel ein historisches und literarisches Werk, das zu lesen ist wie jede andere Literatur auch. Aus der Bibel abzuleiten, wie ich mich zu verhalten habe, ist vergleichbar mit der Vorgehensweise, aus der von einzelnen Schriftstellern geschaffenen Literatur allgemeine Gesetze herauszulesen und diese verallgemeinern zu wollen.
 
 
Wikipedia schreibt im Artikel "Selbstverteidigung" (Link, hier): „Als Selbstverteidigung wird die Vermeidung und die Abwehr von Angriffen auf die seelische oder körperliche Unversehrtheit eines Menschen bezeichnet. Die Spannweite solcher Angriffe beginnt bei Nichtbeachtung, unbedachten Äußerungen, Einnehmen von Gemeinschaftsraum, setzt sich fort über Beleidigungen, Mobbing und Körperverletzung und reicht bis zu schwersten Gewaltverbrechen. Dabei ist jedoch immer die Ausübung von Macht das Ziel des Täters.“
 
 
In den westlich-orientierten und demokratisch-legitimierten Staaten haben sich die Religion und deren Sympathisanten (Religionsangehörige) zurecht dem Staat und seinen Gesetzen unterzuordnen.
 

Aus dem folgenden Link https://www.bussgeldkatalog.net/selbstverteidigung/ ist zu entnehmen:
 

Zitat:

 
„In Deutschland sind die Rechte, die Sie zum Thema Selbstverteidigung haben, im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) festgehalten.

Die Paragraphen 226 bis 231 befassen sich ausschließlich mit der Ausübung der Rechte, der Selbstverteidigung sowie der Selbsthilfe.

Laut § 229 BGB haben Sie folgende Rechte, wenn Sie sich selbst verteidigen müssen:

 
„Wer zum Zwecke der Selbsthilfe eine Sache wegnimmt, zerstört oder beschädigt oder wer zum Zwecke der Selbsthilfe einen Verpflichteten, welcher der Flucht verdächtig ist, festnimmt oder den Widerstand des Verpflichteten gegen eine Handlung, die dieser zu dulden verpflichtet ist, beseitigt, handelt nicht widerrechtlich, wenn obrigkeitliche Hilfe nicht rechtzeitig zu erlangen ist und ohne sofortiges Eingreifen die Gefahr besteht, dass die Verwirklichung des Anspruchs vereitelt oder wesentlich erschwert werde.“
 
[...]

 
§ 227 BGB befasst sich mit dem Begriff der Notwehr und zeigt auf, wie nah diese mit der Selbstverteidigung zusammenhängt:

 
(1) Eine durch Notwehr gebotene Handlung ist nicht widerrechtlich.
(2) Notwehr ist diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.

 
Dabei muss der Angriff unmittelbar geschehen, bevorstehen oder andauern. Keinesfalls darf er schon eine gewisse Zeit zurückliegen. Je nachdem, welche Taktik Sie zur Selbstverteidigung anwenden, muss diese verhältnismäßig und erforderlich sein.
 
Es sollte also nicht außer Acht gelassen werden, dass auch die beste Selbstverteidigung ihre Grenzen hat.

So heißt es in § 230 BGB:
 

"Die Selbsthilfe darf nicht weiter gehen, als zur Abwendung der Gefahr erforderlich ist.“

 
Werden Sie beispielsweise angegriffen und bekommen eine Ohrfeige vom Angreifer, dann dürfen Sie im Gegenzug keine Waffe auf ihn richten.“

 
Zitat Ende.

 
Wenn auch die Gesetze des Staates immer noch nicht perfekt sind, so sind diese doch meist zeitgemäßer als die biblischen, denn die biblischen Gesetze und Ratschläge sind meist antiquarisch (veraltert) oder lebensfern, lebensfremd bzw. nicht praktikabel, weil sie auf eine ganz andere historische und soziale Situation abzielen.
 
 
Heutzutage wird in moderner Weise ohnehin mehr darüber diskutiert, ob die Ethik als die Theorie des richtigen Verhaltens nicht den Anweisungen der Religion vorzuziehen ist. Ich würde dem vorbehaltlos zustimmen, wenn es um Ethik geht.

 
Letzten Endes kann ohnehin auch nicht argumentiert werden, dass in der Bibel eine besondere Offenbarung Gottes begründet sei. Der Streit unter den drei monotheistischen Religionen hat deutlich gezeigt, dass jede dieser drei Religionen um ihre Autorität ringt.

Ich persönlich lehne Offenbarungsreligionen mehr oder weniger ab. Es ist aus logischen und objektiven Aspekten heraus nicht nachvollziehbar, dass sich sozusagen „Gott“ offenbart habe. Vielmehr ist es so, dass wir über Gott gar keine Aussage treffen können, die absolut zutreffend wäre.

Darüber hinaus ist für mich der Theismus in seinen Facetten nicht mehr up to date. Ihm liegt stattdessen ein naiver Glaube zugrunde (Stichwort: Gebete um Hilfe durch ein Eingreifen Gottes, Angst vor Bestrafung durch ein Eingreifen Gottes). Auch die Problematik der Theodizee weist darauf hin, dass die Eigenschaften, die man Gott zugeordnet hatte, so nicht zutreffen können (Allgegenwart, Allmacht, grenzenlose und bedingungslose Liebe etc.).

Der Atheist hat demgegenüber oftmals mehr Realitätsbewusstsein als Monotheisten.

Wenn es überhaupt noch Sinn machen soll, dass Menschen Gott in ihren Alltag einbeziehen, dann rate ich diesen Menschen, sich mit dem Deismus auseinanderzusetzen.

Allerdings möchte ich in diesem Zusammenhang zwei Probleme andeuten:

1.) das Problem der Selbstjustiz
2.) das Problem des damit verbundenen (legalen) Waffenbesitzes und dessen Missbrauch.

Rainer Langlitz


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