Die Erzählung vom Verrat des Judas als fatale und folgenschwere Bedeutung eines frühen Antijudaismus im Neuen Testament

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Die Erzählung vom Verrat des Judas als fatale und folgenschwere Bedeutung eines frühen Antijudaismus im Neuen Testament

Rainer Langlitz
Veröffentlicht von Rainer Langlitz in Theologoumena · 21 Juli 2023
Die Erzählung vom Verrat des Judas als fatale und folgenschwere Bedeutung eines frühen Antijudaismus im Neuen Testament
 
Judas gilt in der allgemein christlich-theologischen Auffassung einerseits als einer der zwölf Jünger und zugleich als der Verräter des Jesus von Nazaret. [1]. Sein Beiname Iskarioth weist auf seine Tat des Verrats hin. So schreibt Bibelwissenschaft (Zitat):

„Wie der Beiname Iskarioth oder Iskariotes richtig zu deuten ist, ist umstritten. Mehrere Möglichkeiten stehen zur Auswahl: Gelegentlich wird der Beiname als Charakterisierung seiner Tat verstanden, das Wort Iskarioth wird dann von aramäisch sakar = ausliefern oder schaqar = lügen verstanden.“ [2]

Weiter schreibt Bibelwissenschaft: „Der Name Judas weist zurück auf Juda, den vierten der von Lea geborenen Söhne Jakobs (Gen 29,35), und ist - ähnlich wie der Name Saul - in frühjüdischer Zeit durchaus beliebt, obwohl von Juda, dem Sohn Leas, nicht nur Gutes zu berichten ist (Gen 37, Gen 25-26; Gen 38).“ [3]

Ist die Erzählung vom Verrat des Judas nun historisch oder ist sie fiktiv?

Bibelwissenschaft schreibt (Zitat):

"Das historische Geschehen kann nur höchst umrisshaft rekonstruiert  werden. Selbst die ältesten erzählenden Passionsdarstellungen, die vier  kanonisch gewordenen Evangelien, sind schon von theologischen Tendenzen  geprägt und dürfen keinesfalls in allen Einzelzügen unkritisch als  Wiedergabe angeblicher „Fakten“ gelesen werden." [4]

Zitat Ende.

Ich gehe davon aus, dass es sich bereits bei der Erzählung von der Erwählung der 12 Jünger durch Jesus um eine Legende handelt, die sich so historisch sicherlich nur schwer nachweisen lässt.

Ich gehe weiter davon aus, dass die Erzählung von der Erwählung der 12 Jünger durch Jesus eine Analogie zur Erzählung von den 12 Stämmen Israels darstellt, die als 12 Söhne Jakobs gesehen wurden (vgl. Gen 49).

Inwiefern könnte nun in der Erzählung von dem Verrat des Judas literarisch ein früher Antijudaismus vorliegen?

Es liegt auf der Hand:

Die frühen Christen betreiben und forcieren lt. Neues Testament bewusst eine Abspaltung: Sie distanzieren sich mehr und mehr von den Juden. Dies geht aus den Evangelien, aus der Apostelgeschichte und auch aus den Briefen des Neuen Testaments hervor. [5]
 
Gehen wir davon aus – wie oben bereits angedeutet - , dass die Namen der Jünger, die bei der Erzählung von der Ernennung der Jünger durch Jesus verwendet bzw. erwähnt werden, nicht historisch sind, dann ist die Entscheidung für den Namen der Person, die Jesus von Nazareth verrät, signifikant: sie deutet bewusst auf Judäa und damit auf die jüdische Bevölkerung ( = die Juden)  hin: der Name Judas soll mehr oder weniger bewusst und in diffamierender Weise auf "die" Juden hinweisen.

Hierbei ist eine frühe Diffamierung der Juden festzustellen. Dieser frühe Antijudaismus in Form der „Erzählung des Verrats des Judas“ als Hinweis auf die frühe Verachtung der Juden hat eine fatale und folgenschwere Fehlentwicklung zur Folge: sowohl in der Alten Kirche, in der Spätantike, im Mittelalter, bei Martin Luther, in der frühen Neuzeit als auch im 17./18./19. Jahrhundert und – was äußerst zu beklagen und zu bedauern ist – besonders im 20. Jahrhundert (Zeit des Nationalsozialismus). [6]
 

Rainer Langlitz

 

   
 
[1] Vgl. dazu den Artikel bei Wikipedia, Judas Iskariot, Aufruf vom 21.07.2023.
 
[3] a.a.O.

[4] a.a.O.
 
[5] Vgl. dazu den Artikel bei Wikipedia, Antijudaismus im Neuen Testament, Aufruf vom 21.07.2023.
 
[6] Vgl. dazu den Artikel bei Wikipedia, Antijudaismus, Aufruf vom 21.07.2023.
 
 
 


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