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Von der Bibelauslegung zur Religionskritik: Warum die christliche Deutung von Jesaja 53 kritisch zu sehen ist

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Von der Bibelauslegung zur Religionskritik: Warum die christliche Deutung von Jesaja 53 kritisch zu sehen ist

Rainer Langlitz
Veröffentlicht von Rainer Langlitz in Philosophie · Samstag, 04. April 2026 · Lesezeit 5:45
Einleitung

Warum dieser Blogbeitrag?

In Meta/Facebook fand ich heute Morgen am 04. April 2026 (Karsamstag) beim Surfen folgenden Post von katholisch.de:


Link und Quellenangabe:

Mit dem folgenden Text möchte ich kritisch Stellung nehmen zu diesem Post insbesondere in Form von folgenden Themen und Aspekten:

1.) Vereinnahmung der Hebräischen Bibel durch das Christentum bei gleichzeitigem "Herauspicken" von einzelnen liebsamen Stellen und Versen.

Ich nehme dabei in meiner Stellungnahme Bezug auf ein Buch des katholischen Theologen Erich Zenger -  im weiteren auch auf Martin Luther und die damit verbundenen Aspekte eines Antijudaismus.

2.) Es geht darüber hinaus auch um eine weit gefasste allgemeine Kritik an Religion(en).


Hauptteil:

Die Auslegung biblischer Texte hat seit jeher eine zentrale Rolle in religiösen Traditionen gespielt. Besonders Kapitel 53 im Buch Jesaja gehört zu den meistdiskutierten Passagen, da es in der christlichen Theologie häufig als prophetischer Hinweis auf das Leiden Jesu verstanden wird. Doch diese Deutung ist keineswegs unumstritten.

Bei genauerem Hinsehen zeigen sich Spannungen zwischen dem ursprünglichen historischen Kontext des Textes und seiner späteren christlichen Interpretation. Dies wirft grundlegende Fragen auf: Inwieweit handelt es sich um eine legitime Auslegung – und wo beginnt eine nachträgliche Umdeutung?

Der folgende Beitrag nimmt diese Fragen zum Anlass, die christliche Lesart von Jesaja 53 kritisch zu beleuchten und sie im Spannungsfeld von historischer Exegese und Religionskritik zu verorten.

Dieser Post von katholisch.de, in dem  ein Vers aus Jesaja 53, 4 zitiert wird, ist für mich aus verschiedenen Gründen nicht unproblematisch.

Ich erkläre nun, warum ich dies für nicht unproblematisch halte.

Zunächst:

Das Buch Jesaja insgesamt besteht sehr wahrscheinlich aus drei Quellenschichten und ist Teil der Hebräischen Bibel. Es ist natürlich auch Teil der christlichen Bibel, die aus dem sog. "Alten Testament" und aus dem sog. "Neuen Testament" besteht. Testament bedeutet hier natürlich nicht (!) einen Erbschaftsvertrag, sondern "Bund".

Ich finde es bedenklich, dass Teile der Hebräischen Bibel auf Christus übertragen wurden in dem Sinne, dass sich angeblich in Christus bzw. im Neuen Testament der Alte Bund vollende. Das hebräische Wort für „Bund“ in der Bibel ist בְּרִית (Transkription: berît oder berith). Es bezeichnet ein feierliches Vertragsverhältnis, eine Verpflichtung oder eine Beziehung, insbesondere zwischen Gott und den Menschen (z. B. mit Noah, Abraham oder am Sinai). Der Bund symbolisiert Gottes Treue und ein garantiertes Heil.

Auch die Lieder vom sog. Gottesknecht im Buch Jesaja (hier zitiert aus Jesaja 53, 4) werden auf "Christus" übertragen und insofern messianisch (Christus = der erwartete Messias) verstanden.

Und hier fängt meine Kritik an:

Es liegt hierbei theologisch eine Vereinnahmung der Hebräischen Bibel vor. Darüber hinaus wird schon bei Luther nur das von der Hebräischen Bibel anerkannt und für wichtig genommen, "was Christum treibet". Noch heftiger wollte es Marcion im 1./2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, indem er das Alte Testament (Hebräische Bibel) erst gar nicht berücksichtigt haben, sondern diesen Teil komplett exkludiert sehen wollte. Marcion von Sinope (ca. 85–160 n. Chr.) war ein einflussreicher frühchristlicher Theologe, der das Alte Testament kategorisch ablehnte und als Quelle christlicher Gotteserkenntnis verwarf. Er gilt als einer der radikalsten Kritiker der Verbindung zwischen dem jüdischen Schöpfungsglauben und dem Neuen Testament.


Der Vorwurf lautet demnach:

1.) Man beansprucht Teile der Hebräischen Bibel für christliche Überzeugungen. Man pickt sich bestimmte Stellen der Hebräischen Bibel heraus und deutet diese - m. E. zu Unrecht - theologisch auf Jesus  Christus als vorausgesagtem Messias.

2.) Man erkennt das Alte Testament nicht wirklich als ganzes an, sondern nur quasi nur den Teil, der von Christus her geprägt sei ("was Christum treibet").

3.) Der Begriff "Alte Testament" in Verbindung mit dem Begriff "Neues Testament" ist irreführend:
Es wird damit subtil unterstellt, als löse "das Neue" das "Alte" ab. Das Alte sei damit überholt. Das Alte sei quasi obsolet - nicht mehr so wichtig...usw.

Damit ist ein früher Antijudaismus programmiert   -   genau, wie ich ihn auch in der mythischen Erzählung vom sog. "Verrat des Judas" sehe. [Vom Antijudaismus des Martin Luther wollen wir hier erst gar nicht sprechen ("Die Juden sind für den Tod des Messias verantwortlich.")].


Der katholische Theologe Erich Zenger hatte mit seinem 2004 veröffentlichten Buch "Das erste Testament. Die jüdische Bibel und die Christen" auf all diese Probleme zwischen Judentum und Christentum ausführlich hingewiesen.


Nun ist es nicht nur so, dass ich das Vorgehen des Christentums kritisiere, sondern ich kritisiere alle drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) für ihren Ansatz der Offenbarungstheologie, nach der fest behauptet wird, Gott selbst habe sich sozusagen Mose, Jesus bzw. Mohammed offenbart. Ich halte dies für problematisch und nehme die Religionskritik des Ludwig Feuerbach und des antiken Philosophen Xenophanes sehr ernst, wenn diese sagen:

1.) "Am Anfang erschuf der Mensch Gott." (Projektionstheorie gem. Ludwig Feuerbach).

2.) "Wenn die Pferde Götter hätten, dann sähen sie wie Pferde aus." (frühe Kritik des Xenophanes an der anthropomorphen Göttervorstellung der Griechen).

Meine Kritik an einer Offenbarungstheologie habe ich in meinem Buch "Wer oder was ist Gott?" dargestellt.

Gott ist und bleibt ein immerwährendes Geheimnis.

Gott zu beanspruchen für eigene Ansichten bedeutet Macht zu beanspruchen genau wie es die drei monotheistischen Religionen tun.

Genau dieses Problem führt noch heute zu Konflikten bis hin zu Kriegen - und das alles, weil bestimmte Gläubige "Gott" beanspruchen.

Wir sehen das nicht nur im Krieg zwischen Israel und den Palästinensern, sondern wir erkennen dieses Problem bereits im Mittelalter (732 Schlacht bei Tours und bei Poitiers): Auf ihrem Vormarsch nach Frankreich werden die Araber 732 bei Tours und Poitiers von Karl Martell und seinem Frankenheer gestoppt.


"Gott hat den Juden Gaza versprochen..."


Natürlich müssen auch die Kreuzzüge hierbei Benennung finden als religiös bedingte und veranlasste Kriege.

Auf den Punkt gebracht:

Das Zitieren und das zeitgleiche christliche Beanspruchen u. a. von Jesaja 53, 4 ist problematisch so, wie Religionen im Allgemeinen nicht unproblematisch sind.


Schlussteil:

Die Auseinandersetzung mit Jesaja 53 zeigt exemplarisch, wie stark religiöse Texte von ihren jeweiligen Auslegungstraditionen geprägt sind. Was in einem Kontext als prophetische Vorankündigung gelesen wird, erscheint in einem anderen als rückblickende Deutung oder sogar als theologische Konstruktion.

Eine kritische Betrachtung bedeutet dabei nicht zwangsläufig eine Abwertung religiöser Überzeugungen, sondern vielmehr den Versuch, zwischen ursprünglichem Textsinn und späterer Interpretation zu unterscheiden. Gerade hierin liegt ein wichtiger Beitrag zur intellektuellen Redlichkeit im Umgang mit heiligen Schriften.

Letztlich eröffnet die Diskussion um Jesaja 53 einen größeren Horizont: Sie fordert dazu heraus, die eigenen hermeneutischen Voraussetzungen zu reflektieren und den Dialog zwischen Glauben, Geschichte und Kritik offen zu gestalten.

Rainer Langlitz


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