Kann/darf die AfD mit der NSDAP bzw. mit einer Nazi-Partei gleichgesetzt werden?
Veröffentlicht von Rainer Langlitz in Essays · Freitag, 08. Mai 2026 · 4 Minuten
Die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler errichteten zwischen 1933 und 1945 eine totalitäre Diktatur und begingen systematische Verbrechen gegen Millionen Menschen. Ihre Herrschaft war geprägt von Rassismus, Antisemitismus, Gewalt, Propaganda und der Abschaffung demokratischer Rechte.
Diese eingangs gestellte Frage, ob - und wenn ja - in welcher Form die AfD mit der NSDAP verglichen werden kann/darf, wird in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit intensiv diskutiert.
So hat die damalige SPD-Vorsitzende Saskia Esken die Alternative für Deutschland (AfD) im Mai 2024 in einem ORF-Interview als „Nazi-Partei“ bezeichnet und dabei einen Vergleich mit dem NS-Propagandaminister Joseph Goebbels gezogen. Konkret sagte sie sinngemäß, die Demokratie dürfe der AfD nicht die Mittel geben, sich selbst abzuschaffen, und verwies dabei auf eine Rede Goebbels’ von 1935. Auf die Nachfrage des Moderators „Da vergleichen Sie jetzt die AfD mit Goebbels?“ antwortete Esken: „Ja. Das ist eine Nazi-Partei.“ Dabei ist wichtig zu unterscheiden: Esken hat nicht wörtlich gesagt „AfD = NSDAP“. Sie hat aber politische Parallelen bzw. Gemeinsamkeiten zum Nationalsozialismus gezogen und die AfD als „Nazi-Partei“ bezeichnet.
Die Bezeichnung „Nazi-Schlampe“ (oft auch zusammengeschrieben „Nazischlampe“) für Frau Dr. Alice Weidel (Parteivorstand der Bundes-AfD) stammt vom Satiriker Christian Ehring in der NDR-Satiresendung „extra 3“ im Jahr 2017. Ehring kommentierte damals eine Rede Weidels auf dem AfD-Parteitag satirisch. Weidel ging juristisch dagegen vor. Das Landgericht Hamburg entschied jedoch, dass die Äußerung im konkreten satirischen Kontext von der Meinungsfreiheit gedeckt sei.
Ein einfacher Gleichsetzungs-Satz wie „AfD = NSDAP/Nazis“ ist historisch absolut ungenau.
Gleichzeitig gibt es reale Überschneidungen bei einzelnen rhetorischen Mustern, politischen Positionen und Personen, die von Historikern, Politologen und Verfassungsschutz kritisch bewertet werden.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen:
- dem historischen Nationalsozialismus unter Adolf Hitler,
- rechtsextremen Ideologien allgemein,
- und der heutigen Alternative für Deutschland als Partei mit unterschiedlichen Strömungen.
Was unterscheidet die AfD klar von den Nazis?
Die AfD:
- ist eine legale Partei innerhalb des demokratischen Systems,
- nimmt an Wahlen teil,
- fordert offiziell keine Diktatur,
- betreibt keine paramilitärische Gewalt wie die SA,
- errichtet keine Konzentrationslager,
- vertritt kein offizielles Programm zur Abschaffung der Demokratie oder zur Vernichtung von Bevölkerungsgruppen.
Ein direkter historischer Gleichsetzungsvergleich mit der NSDAP ist daher fachlich problematisch.
Warum werden trotzdem Vergleiche gezogen?
Kritiker sehen bei Teilen der AfD Parallelen zu rechtsextremen oder völkisch-nationalistischen Denkmustern.
Dazu gehören etwa:
Völkische Sprache und Identitätsdenken
Begriffe wie:
- „Remigration“,
- „ethnokulturelle Identität“,
- „Umvolkung“ (von extrem rechten Milieus),
- starke Gegenüberstellung von „Volk“ und „Eliten“
werden von Kritikern als Nähe zu historischen völkischen Ideologien gesehen.
Abwertung von Minderheiten
Einzelne AfD-Politiker wurden wegen Aussagen über:
- Migranten,
- Muslime,
- Geflüchtete,
- politische Gegner
stark kritisiert.
Geschichtsrevisionistische Aussagen
Björn Höcke bezeichnete das Holocaust-Mahnmal in Berlin als:
„Denkmal der Schande“
Diese Aussage löste breite Empörung aus.
Verhältnis zum Rechtsextremismus
Der deutsche Verfassungsschutz beobachtet Teile der AfD wegen extremistischer Bestrebungen. Einige Landesverbände und Strömungen wurden als gesichert rechtsextrem eingestuft. Gerichte haben mehrfach bestätigt, dass der Verfassungsschutz die AfD in bestimmten Zusammenhängen als rechtsextremen Verdachtsfall beobachten darf.
Was sagen Historiker und Politikwissenschaftler?
Die meisten Fachleute unterscheiden zwischen:
- „rechtsextrem“,
- „rechtsradikal“,
- „rechtspopulistisch“,
- und „nationalsozialistisch“.
Viele ordnen Teile der AfD als:
- rechtspopulistisch,
- nationalkonservativ,
- oder in Teilen rechtsextrem ein.
Nur wenige seriöse Historiker setzen die AfD direkt mit der NSDAP gleich.
Historische Vorsicht bei Vergleichen
Vergleiche mit den Nazis sind in Deutschland besonders sensibel, weil:
- der Nationalsozialismus einzigartig schwere Verbrechen beging,
- vorschnelle Nazi-Vergleiche die Geschichte verharmlosen können,
- aber gleichzeitig frühe Warnzeichen autoritärer und extremistischer Politik ernst genommen werden sollen.
Deshalb versuchen seriöse Analysen meist präzise zu unterscheiden:
- Wo gibt es ideologische Überschneidungen?
- Wo gibt es fundamentale Unterschiede?
- Welche Aussagen einzelner Politiker überschreiten demokratische Grenzen?




Zusammengefasst kann man sicherlich sagen:
- Die AfD ist nicht mit der NSDAP gleichzusetzen.
- Es gibt jedoch bei Teilen der Partei Aussagen und Strömungen, die von vielen Wissenschaftlern und Behörden als rechtsextrem oder völkisch bewertet werden.
- Deshalb entstehen Vergleiche — besonders bei Sprache, Identitätsdenken und Geschichtsdeutung.
- Historisch sauber ist eher die Aussage:
Einige Teile der AfD zeigen Merkmale, die an frühere rechtsextreme oder völkisch-nationalistische Ideologien erinnern, ohne dass die Partei insgesamt mit dem historischen Nationalsozialismus identisch wäre.
Rainer Langlitz
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