Ist Jesus wahrhaftig auferstanden? Was ist vor 2000 Jahren wirklich passiert?
Veröffentlicht von Rainer Langlitz in Philosophie · Freitag, 03. April 2026 · 7:45
Einleitung:
Die Frage nach der Auferstehung Jesu von Nazareth gehört zu den zentralsten und zugleich umstrittensten Themen der christlichen Theologie. Seit rund zweitausend Jahren bewegt das sogenannte „Osterereignis“ nicht nur den Glauben von Millionen Menschen, sondern fordert auch Historiker, Philosophen und Theologen heraus. Zwischen Bekenntnis und Zweifel, zwischen liturgischer Tradition und wissenschaftlicher Analyse steht die grundlegende Frage: Was ist damals tatsächlich geschehen?
Dabei geht es nicht allein um ein historisches Ereignis, sondern um die Deutung von Realität, Wirklichkeit und Wahrheit. Denn je nachdem, wie diese Begriffe verstanden werden, ergeben sich unterschiedliche Zugänge zur Auferstehung: als leibliches Geschehen, als Glaubenszeugnis, als symbolische Erzählung oder als unerklärbares Mysterium. Die Vielfalt dieser Perspektiven zeigt, dass das Osterereignis weit mehr ist als eine bloße historische Frage – es ist ein Deutungsraum, in dem sich Glaube, Erfahrung und Erkenntnis begegnen.
Der folgende Text versucht, diese unterschiedlichen Sichtweisen darzustellen und grob zu reflektieren, um sich der Frage anzunähern, was sich vor etwa 2000 Jahren in Jerusalem – oder im Glauben seiner Anhänger – tatsächlich ereignet haben könnte.
Hauptteil:
Es ranken sich sicherlich viele Legenden und Mythen um dieses sog. "Osterereignis". Was tatsächlich historisch und insofern innerhalb der Realität realiter passiert ist, darüber sind sich nicht nur Historiker, sondern auch Theologen uneins.
"Der Herr ist auferstanden!"
"Er ist wahrhaftig auferstanden!"
Dieser Wechselgesang bzw. Wechselgruß ist typisch für Christinnen und Christen.
"Surrexit Dominus"
"Surrexit Dominus vere."
"Surrexit Dominus vere. Alleluia. Surrexit Christus hodie."
"Der Herr ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja. Christus ist heute auferstanden."
(Osterlied aus Taizé)
Link:
Ist Jesus von Nazareth wirklich auferstanden (Markus 16, 6) [eine andere Formulierung findet sich in 1. Korinther 15, 4, wo es heißt: "er ist auferweckt worden" (sc. von Gott selbst).
Scheinbar ist vor 2000 Jahren "irgendwas" passiert.
Worin besteht also jenes "Osterereignis", an das sich die christliche Kirche heute immer noch gemäß der neutestamentlichen Botschaft erinnert und das in der Eucharistie jeden Sonntag in den katholischen Gottesdiensten gefeiert wird?
Es steht demnach die theologische Frage nach der Auferstehung Christi als Fundament des Christentums im Raum.
Dazu gibt es im Raum der neutestamentlichen Theologie u. a. folgende hermeneutischen Ansätze bzw. Verstehensweisen:
1.) Leibliche Auferweckung (gemäß "Novum Testamentum Graece"; dieser Ansatz herrscht in der röm.-kath. Kirche).
2.) "Auferstehung ins Keryma" (Rudolf Bultmann et al.) bzw. "Auferstehung als Zeugnis der Urgemeinde und der weltweiten Kirche" (Andreas Lindemann et al.).
3.) "Auferstehung 'archetypisch' verstehen" (Eugen Drewermann et al.). Heißt soviel wie: Schon im Alten Ägypten gab es eine Form des Auferstehungsglaubens. Insofern ist die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tod etwas, das allgemein ins Menschsein gelegt ist.
4.) "Auferstehung als Mysterium" (Jacob Kremer et al.). Vgl. dazu Anmerkung 1 unten!
5.) "Auferstehung als bloße Vision der Jünger Jesu quasi Wunschdenken (?)" (Gerd Lüdemann et al.).
Was ist also vor 2000 Jahren in Jerusalem ("Galiläa") um Jesus von Nazareth und dessen Anhänger "wirklich" passiert?
Vielleicht ist es dabei hilfreich, folgende Begriffe zu unterscheiden:
1.) Realität
2.) Wirklichkeit
3.) Wahrheit
In Philosophie, Wissenschaft und Alltag begegnen uns die Begriffe Wahrheit, Realität und Wirklichkeit ständig – oft werden sie synonym verwendet.
Doch jeder Begriff trägt eine eigene Bedeutung und Perspektive in sich:
Realität beschreibt, was objektiv existiert, Wirklichkeit bezeichnet, wie wir diese Realität wahrnehmen, und Wahrheit bezeichnet die Übereinstimmung von Erkenntnis oder Aussage mit der Realität.
Das Verständnis dieser Unterschiede hilft, Missverständnisse zu vermeiden und komplexe Zusammenhänge klarer zu sehen.
Ja, es gibt feine, aber wichtige Unterschiede zwischen den Begriffen Wahrheit, Realität und Wirklichkeit, auch wenn sie im Alltag oft synonym verwendet werden.
Hier ist eine vorweggenommene Übersicht:
1. Realität:
Definition:
Realität bezeichnet das, was objektiv existiert – unabhängig davon, ob wir es wahrnehmen oder verstehen.
Merkmale:
· Ist unabhängig von subjektiver Meinung
· Umfasst physische, biologische, soziale und politische Gegebenheiten
Beispiele:
· Die Erde dreht sich um die Sonne.
· Menschen altern und sterben.
· Krieg und Frieden existieren in der Welt.
Kurz:
Realität = die Welt, wie sie „ist“, unabhängig von uns.
Realität ist die Welt, wie sie „ist“, unabhängig davon, ob wir sie wahrnehmen.
2. Wirklichkeit:
Definition:
Wirklichkeit bezeichnet die Art und Weise, wie wir die Realität erfahren, wahrnehmen oder interpretieren.
Merkmale:
· Subjektiv geprägt durch Wahrnehmung, Kultur, Erfahrung
· Kann von Person zu Person unterschiedlich sein.
Beispiele:
· Für einen Schüler ist die Schulpflicht Wirklichkeit, für einen Lehrer ist sie Alltag.
· Zwei Menschen erleben denselben Streit unterschiedlich.
· Wohlstand oder Armut werden je nach Perspektive unterschiedlich wahrgenommen.
Kurz:
· Wirklichkeit = die Realität, wie sie auf uns wirkt oder wie wir sie interpretieren.
· Wirklichkeit ist die Realität, wie sie auf uns wirkt oder wie wir sie interpretieren.
3. Wahrheit:
Definition:
Wahrheit ist die Übereinstimmung einer Aussage oder Vorstellung mit der Realität.
Merkmale:
· Anspruch auf objektive Korrektheit.
· Kann philosophisch, wissenschaftlich oder moralisch verstanden werden.
Es gibt unterschiedliche Wahrheitsbegriffe:
Korrespondenztheorie (Entspricht Aussage der Realität?)
Kohärenztheorie (Stimmt Aussage mit anderen bekannten Aussagen überein?)
Beispiele:
„Wasser kocht bei 100 °C auf Meereshöhe“ ist eine objektive Wahrheit.
„Krieg ist schlecht“ ist eine moralische Wahrheit, die interpretativ diskutiert wird.
Kurz:
Wahrheit = Aussage oder Erkenntnis, die der Realität entspricht.
Wahrheit ist das, was korrekt die Realität beschreibt.
Es ranken sich sicherlich viele Legenden und Mythen um dieses sog. "Osterereignis".
Was tatsächlich historisch und insofern innerhalb der Realität realiter passiert ist, darüber sind sich nicht nur Historiker, sondern auch Theologen uneins.
Schlussteil:
Am Ende bleibt die Frage nach dem „Osterereignis“ offen – und vielleicht muss sie das auch bleiben. Denn unabhängig davon, ob man die Auferstehung Jesu als historisches Faktum, als Glaubenszeugnis der Urgemeinde, als symbolische Deutung oder als transzendentes Mysterium versteht, entzieht sie sich einer eindeutigen, rein objektiven Festlegung. Gerade darin liegt möglicherweise ihre besondere Bedeutung.
Die Unterscheidung zwischen Realität, Wirklichkeit und Wahrheit zeigt, dass es verschiedene Ebenen gibt, auf denen sich das Geschehen erschließen lässt. Was historisch im engeren Sinne „geschehen“ ist, mag sich nicht endgültig rekonstruieren lassen. Doch welche Wirkung dieses Ereignis entfaltet hat – im Glauben der Menschen, in der Entwicklung des Christentums und in der Deutung von Leben und Tod – gehört zweifellos zur Wirklichkeit der Geschichte.
So bleibt die Auferstehung Jesu eine Herausforderung an Denken und Glauben zugleich. Sie fordert dazu heraus, die Grenzen naturwissenschaftlicher Erklärbarkeit zu reflektieren und zugleich die existenzielle Dimension religiöser Wahrheit ernst zu nehmen. Vielleicht liegt ihre tiefste Wahrheit nicht allein in der Frage nach dem „Wie“, sondern in der Bedeutung, die ihr Menschen seit Jahrhunderten beimessen: als Hoffnung auf Leben, das über den Tod hinausweist.
Damit bleibt das Osterereignis ein offener Deutungshorizont – zwischen Zweifel und Gewissheit, zwischen Geschichte und Glaube, zwischen dem, was war, und dem, was es für uns heute bedeuten kann.
Rainer Langlitz
Anmerkung 1:
Jacob Kremer[1] (1924 – 2010) schreibt zum Thema Auferstehung (Zitat):
„Daß wir über die Auferstehung Jesu nicht mit adäquaten Begriffen sprechen können, muß sich für alle die – Gegner wie Verteidiger der kirchlichen Verkündigung – folgenschwer auswirken, die sich seit Descartes den exakten Wissenschaften verpflichtet fühlen.“[2]
Was meint Kremer mit diesem Statement?
Kremer sagt:
1.) Es ist schwierig, über die Auferstehung Jesu zu sprechen.
2.) Es ist notwendig und möglich, über die Auferstehung Jesu zu sprechen.
Inwiefern ist es nach Kremer schwierig, über die Auferstehung Jesu zu sprechen?
Kremer führt weiter aus (Zitat):
„Schon im Neuen Testament läßt sich beobachten, wie schwer es ist, über die Auferstehung Jesu, die neue Leiblichkeit und die Erscheinungen des Auferstandenen zu sprechen: Die Auferstehung wird nicht geschildert; über die Erscheinungen wird in sehr verschiedenartiger Weise erzählt, und über den Auferstehungsleib als „Geist-Leib“ kann Paulus 1 Kor 15, 44 auch nur in einer paradox anmutenden Sprache schreiben: „Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib. Wenn es einen irdischen Leib gibt, gibt es auch einen überirdischen“. Der Grund für diese Schwierigkeit liegt darin, daß es sich eben bei der Auferstehung Jesu nicht um ein rein innerweltliches Geschehen handelt, das einfache Lebendigwerden eines Leichnams oder die Rückkehr eines Toten in das Leben dieser Welt, wie dies zum Beispiel von Lazarus (Joh 11) erzählt wird. Es geht bei der Auferstehung Jesu um die endgültige Überwindung des Todes (vgl. Röm 6, 9). Dafür fehlt uns aber im innerweltlichen Bereich jegliche Vergleichsmöglichkeit. Wollen wir darüber sprechen, müssen wir auf Vorstellungen und Begriffe dieser Welt zurückgreifen.“
Zitat Ende.
Zur zweiten These, nämlich, dass es notwendig und möglich ist, über die Auferstehung Jesu zu sprechen, schreibt Kremer, dass das Neue Testament es uns geradezu verbiete, über die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu zu schweigen.
Und Kremer fragt schließlich (Zitat):
„Können wir über eine solche Tat Gottes, deren „Wirklichkeit“ mit den Methoden der exakten Wissenschaft nicht bewiesen werden kann, etwas aussagen?“[3]
Kremer war Professor für Biblische Theologie am Priesterseminar in Aachen.
[2] Entnommen aus: Jacob Kremer, … denn sie werden leben. Sechs Kapitel über Tod, Auferstehung, Neues Leben, Stuttgart 1972, S. 102 – 114 in Auszügen.
[3] Jacob Kremer, a.a.O.
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1 Rezension

