Die Bibel neu denken - ein offener Zugang zum Glauben
Veröffentlicht von Rainer Langlitz in Philosophie · Sonntag, 26. April 2026 · 34:45
Die Bibel gehört zu den einflussreichsten Büchern der Menschheitsgeschichte. Über Jahrhunderte hinweg wurde sie als Wort Gottes verstanden, als Quelle von Wahrheit, Orientierung und Sinn. Doch im Licht historischer Erkenntnisse und moderner Erfahrungen stellt sich die Frage neu: Wie kann die Bibel heute verstanden werden?

Dieser Aufsatz lädt dazu ein, die Bibel neu zu denken – nicht als starres Regelwerk, sondern als gewachsene Sammlung menschlicher Erfahrungen mit Gott. Es geht darum, den Glauben nicht aufzugeben, sondern ihn zu öffnen: für Fragen, für Zweifel und für ein vertieftes Verständnis von Wirklichkeit.
So entsteht ein Zugang zum Glauben, der weder an überholten Gewissheiten festhält noch in Beliebigkeit endet, sondern den Mut hat, Tradition und Gegenwart miteinander ins Gespräch zu bringen.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
1. Die Bibel: Wort Gottes oder Wort des Menschen?
2. Die Bibel als gewachsene Wirklichkeit
3. Die Krise der traditionellen Auslegung
4. Glaube nach der Kritik
5. Glaube und Vernunft
6. Konsequenzen für Kirche und Gegenwart
7. Biblische und historische Vertiefung
8. Offener Glaube
Literaturverzeichnis
Vorwort

Dieser Aufsatz ist an einem weiteren Punkt eines Weges entstanden, der von den Fragen geprägt ist: Wie können wir die Bibel verstehen? Wer oder was ist Gott? Und wie verhalten sich Bibel und Gott zueinander? Ist die Bibel „Wort Gottes“ oder „Wort von Menschen“?
Seit 2012 habe ich mich in unterschiedlichen Veröffentlichungen mit Fragen nach Gott, Glaube und Menschsein auseinandergesetzt. Themen wie Liebe, Freiheit, Sinn, Identität und religiöse Wahrheit haben mich immer wieder beschäftigt.[1] Dabei sind Bücher entstanden, die jeweils einen bestimmten Stand meines Denkens widerspiegeln.
Besonders die intensive Auseinandersetzung mit der Bibel und ihrer Entstehung hat diesen Prozess geprägt. Die Einsicht, dass sie kein einheitliches, unveränderliches Werk ist, sondern das Ergebnis eines langen historischen und theologischen Deutungsprozesses[2], hat meinen Zugang zu Gott und zur Bibel grundlegend verändert.
Einleitung

Es gibt Fragen, die sich nicht dauerhaft verdrängen lassen. Sie kehren wieder – leise, manchmal unbequem, aber beharrlich. Eine dieser Fragen lautet: Was bedeutet es heute noch, an die Bibel zu glauben?
Für viele Menschen ist sie das „Wort Gottes“, ein Fundament, das Orientierung und Halt verspricht. Für andere ist sie ein historisches Dokument[3], geprägt von einer längst vergangenen Welt. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Erfahrung der Gegenwart: das Bedürfnis nach Sinn und zugleich die Einsicht, dass traditionelle Antworten nicht mehr ohne Weiteres tragen.
Auch für mich beginnt dieses Buch mit einer solchen Spannung. Je intensiver ich mich mit der Bibel beschäftigte, desto deutlicher wurde, dass sie ein vielschichtiges, gewachsenes Zeugnis ist.[4] Ihre Texte sind vielfältig, widersprüchlich, gewachsen. Sie erzählen nicht nur von Gott, sondern auch von den Menschen, die versucht haben, ihn zu verstehen.
Diese Erkenntnis war zunächst irritierend. Wenn die Bibel nicht als unveränderliches Wort Gottes gelesen werden kann – was bleibt dann? Verliert der Glaube damit seine Grundlage, oder eröffnet sich gerade dadurch ein neuer Zugang?
Dieser Aufsatz ist der Versuch, dieser Frage nachzugehen. Es geht nicht darum, den Glauben abzuschaffen, sondern ihn neu zu denken. Es geht darum, die Bibel ernst zu nehmen – gerade in ihrer historischen Gewordenheit. Und es geht darum, einen Weg zu suchen, der weder in dogmatischer Gewissheit noch in vollständigem Verzicht endet.
Vielleicht liegt die Herausforderung unserer Zeit genau hier: nicht zwischen Glauben und Unglauben zu wählen, sondern eine Form des Glaubens zu finden, die der Wirklichkeit standhält. Dieses Buch ist ein Beitrag zu dieser Suche.
1. Die Bibel: Wort Gottes oder Wort des Menschen?

Die Frage, was die Bibel eigentlich ist, scheint auf den ersten Blick einfach zu beantworten. Für viele gilt sie als Wort Gottes – als verbindliche Offenbarung, die über Zeit und Kultur hinaus Gültigkeit besitzt. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass dieses Verständnis nicht ohne Weiteres tragfähig ist.
Die Bibel ist kein einheitliches Buch, sondern eine Sammlung von Schriften, die über einen langen Zeitraum hinweg entstanden sind.[5] Unterschiedliche Autoren, wechselnde historische Kontexte und vielfältige Perspektiven prägen ihre Texte.[6] Sie ist nicht das Ergebnis eines einmaligen Aktes, sondern eines fortlaufenden Prozesses des Erzählens, Überlieferns und Deutens.[7]
In diesem Sinne lässt sich die Bibel als gewachsene Wirklichkeit verstehen. Ihre heutige Gestalt ist Ausdruck eines vielschichtigen Zusammenspiels unterschiedlicher Traditionen, die im Laufe der Zeit zusammengeführt und geordnet wurden. Sie ist kein geschlossenes System, sondern ein vielstimmiges Zeugnis.
Diese Einsicht verändert den Blick grundlegend. Die Texte der Bibel stehen nicht durchgehend in harmonischem Einklang, sondern spiegeln unterschiedliche Erfahrungen und Deutungen wider. Gerade darin liegt jedoch ihre besondere Bedeutung. Denn sie eröffnet keinen Raum für einfache Antworten, sondern fordert zur Auseinandersetzung heraus.
Die Frage nach ihrer Autorität stellt sich damit neu. Wenn die Bibel nicht als wörtlich unveränderliches Wort verstanden werden kann, worin liegt dann ihre Verbindlichkeit? Eine mögliche Antwort lautet: nicht in der Unveränderlichkeit ihrer Aussagen, sondern in ihrer Fähigkeit, immer wieder neu verstanden zu werden.
Die Bibel gewinnt ihre Bedeutung im Dialog – zwischen Text und Leser, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie ist nicht nur Überlieferung, sondern Herausforderung. Sie fordert dazu auf, die großen Fragen des Lebens immer wieder neu zu stellen: nach Gott, nach dem Menschen und nach dem Sinn.
Damit verschiebt sich auch die Rolle des Lesenden. Die Bibel verlangt nicht in erster Linie Zustimmung, sondern Interpretation. Sie fordert dazu heraus, Verantwortung für das eigene Verstehen zu übernehmen. Ihre Autorität liegt nicht darin, jede Antwort vorzugeben, sondern darin, einen Denkraum zu eröffnen, in dem Orientierung gesucht und gefunden werden kann.
Diese Perspektive bedeutet keinen Verlust, sondern eine Veränderung. Die Bibel wird nicht entwertet, sondern neu erschlossen: als ein Werk, das nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Vielstimmigkeit Bedeutung gewinnt.
2. Die Bibel als gewachsene Wirklichkeit

Wenn die Bibel als vielstimmiges Zeugnis verstanden wird, stellt sich zwangsläufig die Frage nach ihrer Entstehung. Wie ist dieses Werk entstanden, das über Jahrhunderte hinweg als Grundlage des Glaubens galt?
Die Antwort darauf führt in einen langen historischen Prozess. Die Texte des Alten Testaments sind über viele Jahrhunderte hinweg gewachsen.[8] Sie entstanden in unterschiedlichen sozialen, politischen und religiösen Kontexten. Erzählungen wurden mündlich weitergegeben, verändert, neu gedeutet und schließlich schriftlich fixiert. Dabei entstand kein geschlossenes System, sondern ein Geflecht von Traditionen.
Diese Entwicklung wurde besonders in Zeiten der Krise sichtbar. Ein einschneidender Moment war das babylonische Exil im 6. Jahrhundert v. Chr.[9] Mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels verlor das Volk Israel nicht nur seine politische Grundlage, sondern auch einen zentralen Ort seiner religiösen Identität. In dieser Situation begann ein intensiver Prozess der Selbstvergewisserung.
Geschichte wurde nun nicht mehr nur erinnert, sondern gedeutet. Die Frage lautete: Wie ist das Geschehene zu verstehen? Warum kam es zur Katastrophe? Viele Texte wurden in dieser Zeit gesammelt, überarbeitet und in größere Zusammenhänge gestellt. Dabei entstand eine Form der Geschichtsschreibung, die nicht nur berichtet, sondern interpretiert.
Ein Beispiel dafür ist das sogenannte deuteronomistische Geschichtswerk. Es verbindet mehrere Bücher des Alten Testaments zu einer zusammenhängenden Darstellung der Geschichte Israels – vom Einzug in das Land bis zum Exil. Diese Darstellung folgt einer klaren theologischen Linie: Treue gegenüber Gott führt zu Segen, Untreue zu Unheil. Geschichte wird so zu einem Spiegel religiöser Deutung.[10]
Gleichzeitig zeigen andere Texte eine andere Perspektive. In der Erzählung von Abraham etwa steht nicht das Gesetz im Mittelpunkt, sondern das Vertrauen. Diese Spannung innerhalb der Bibel ist kein Mangel, sondern Ausdruck ihrer Vielstimmigkeit. Sie zeigt, dass unterschiedliche Deutungen nebeneinander bestehen können.[11]
Auch literarisch lässt sich diese Vielfalt erkennen. Verschiedene Textschichten und Traditionen wurden miteinander verbunden. Einige Texte legen besonderen Wert auf Ordnung, Struktur und rituelle Vorschriften, andere erzählen anschaulich und existenziell. Die Bibel ist daher nicht nur gewachsen, sondern auch bewusst gestaltet worden.
Diese Einsicht wird durch den Blick auf das Neue Testament bestätigt. Auch hier beginnt alles nicht mit einer fertigen Lehre, sondern mit einer Erfahrung: dem Eindruck, dass im Leben und Sterben Jesu etwas Entscheidendes geschehen ist. Diese Erfahrung wurde weitererzählt, gedeutet und schließlich in unterschiedlichen Textformen festgehalten.
Die ältesten Zeugnisse sind Briefe, die auf konkrete Situationen in frühen Gemeinden reagieren. Sie zeigen, dass der Glaube von Anfang an im Gespräch und im Wandel begriffen ist. Unterschiedliche Auffassungen, verschiedene Schwerpunkte und praktische Herausforderungen prägen diese Texte.
Die Evangelien entstehen später. Sie sind keine neutralen Berichte, sondern theologische Deutungen. Sie greifen auf gemeinsame Überlieferungen zurück, gestalten diese jedoch jeweils unterschiedlich. Es gibt nicht eine einzige Darstellung, sondern mehrere Perspektiven auf die Bedeutung Jesu.
Hinzu kommt, dass die Bibel nicht nur entstanden, sondern auch ausgewählt worden ist. Viele Schriften waren im Umlauf, doch nur ein Teil wurde in den Kanon aufgenommen. Diese Auswahl erfolgte in einem längeren Prozess, in dem Tradition, Überzeugung und praktische Nutzung zusammenwirkten. Damit wird deutlich: Die heutige Gestalt der Bibel ist das Ergebnis bewusster Entscheidungen.
All dies führt zu einer grundlegenden Einsicht: Die Bibel ist keine statische Größe, sondern eine gewachsene Wirklichkeit. Ihre Autorität liegt nicht in einer vermeintlichen Unveränderlichkeit, sondern in der Tiefe der Erfahrungen, die in ihr zum Ausdruck kommen.
Gerade diese Perspektive eröffnet einen neuen Zugang. Die Bibel wird nicht länger als abgeschlossenes System verstanden, sondern als ein fortdauernder Dialog. Sie lädt dazu ein, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie zu hinterfragen und ihren möglichen Sinn für die Gegenwart zu erschließen.
3. Die Krise der traditionellen Auslegung

Die Einsicht, dass die Bibel eine gewachsene Wirklichkeit und ein vielstimmiges Zeugnis ist, bleibt nicht ohne Konsequenzen. Sie führt zu einer grundlegenden Herausforderung für das traditionelle Verständnis von Glauben und Auslegung.
Über lange Zeit hinweg wurde die Bibel als verbindliche Grundlage für Lehre und Moral verstanden. Ihre Aussagen galten als zeitlos gültig, unabhängig von ihrem historischen Kontext. Dieses Verständnis setzt jedoch voraus, dass die biblischen Texte in sich einheitlich und unmittelbar übertragbar sind. Genau diese Voraussetzung wird durch die historisch-kritische Perspektive in Frage gestellt.[12]
Besonders deutlich wird diese Spannung im Bereich der Ethik. Viele biblische Aussagen stehen in einem schwierigen Verhältnis zu heutigen moralischen Überzeugungen.[13] Texte über Gewalt, gesellschaftliche Ordnung oder Sexualität lassen sich nicht ohne Weiteres in die Gegenwart übertragen. Sie sind Ausdruck ihrer Zeit und spiegeln soziale Strukturen wider, die sich grundlegend verändert haben.
Die traditionelle Reaktion auf diese Spannung folgt häufig einem von zwei Wegen. Entweder werden die betreffenden Texte wörtlich verteidigt, oder sie werden selektiv relativiert. Beide Strategien sind problematisch. Eine wörtliche Übertragung ignoriert den historischen Kontext und kann zu ethischen Konflikten führen. Eine selektive Auslegung wiederum wirft die Frage auf, nach welchen Kriterien entschieden wird, was verbindlich bleibt und was nicht.
Damit tritt ein grundlegendes Problem zutage: Wenn die Bibel nicht mehr als durchgehend verbindliches Regelwerk verstanden werden kann, muss ihr Anspruch neu bestimmt werden. Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr, ob ihre Aussagen wörtlich gelten, sondern wie sie verantwortungsvoll interpretiert werden können.
Diese Krise zeigt sich besonders in Themenfeldern, die heute intensiv diskutiert werden. Fragen der Sexualität, der Gleichberechtigung oder der individuellen Lebensgestaltung können nicht mehr allein durch den Verweis auf einzelne Schriftstellen entschieden werden. Sie verlangen eine Abwägung, die sowohl die historischen Bedingungen der Texte als auch die ethischen Maßstäbe der Gegenwart berücksichtigt.
Ein reflektierter Umgang mit der Bibel erfordert daher eine Verschiebung der Perspektive. Nicht einzelne Vorschriften stehen im Mittelpunkt, sondern die grundlegenden Intentionen der Texte. Es geht darum zu fragen, welche Erfahrungen, welche Konflikte und welche Einsichten sich in ihnen ausdrücken.
Dabei wird deutlich, dass viele biblische Normen aus konkreten historischen Situationen heraus entstanden sind. Sie dienten der Ordnung und Stabilisierung einer bestimmten Gesellschaft. Ihre direkte Übertragung auf heutige Lebensverhältnisse würde diesen Kontext ausblenden und ihre ursprüngliche Funktion missverstehen.
Diese Einsicht führt nicht zur Entwertung der Bibel, sondern zu einer Differenzierung ihres Anspruchs. Sie ist nicht länger als starres Regelwerk zu verstehen, sondern als ein Raum der Auseinandersetzung. Ihre Texte fordern dazu heraus, über grundlegende Fragen von Gerechtigkeit, Verantwortung und Menschlichkeit nachzudenken.
Die Krise der traditionellen Auslegung ist daher nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance. Sie eröffnet die Möglichkeit, den Glauben neu zu bestimmen – nicht als Festhalten an unveränderlichen Vorgaben, sondern als reflektierten Umgang mit einer gewachsenen Tradition.
Damit verschiebt sich auch die Rolle des Einzelnen. Glaube kann nicht mehr als bloße Übernahme vorgegebener Antworten verstanden werden. Er wird zu einer persönlichen Aufgabe, die eigene Urteilskraft und Verantwortung voraussetzt.
Diese Entwicklung ist anspruchsvoll. Sie verlangt die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten und vertraute Gewissheiten zu hinterfragen. Doch gerade darin liegt ihre Stärke. Ein Glaube, der sich dieser Herausforderung stellt, gewinnt an Tiefe und Glaubwürdigkeit.
Die Krise der traditionellen Auslegung markiert somit keinen Endpunkt, sondern einen Übergang. Sie führt nicht weg vom Glauben, sondern eröffnet einen neuen Zugang zu ihm.
4. Glaube nach der Kritik

Die kritische Auseinandersetzung mit der Bibel führt nicht zwangsläufig zum Verlust des Glaubens. Sie kann vielmehr den Weg zu einer neuen Form des Glaubens eröffnen – einer Form, die nicht auf unreflektierter Gewissheit beruht, sondern auf bewusster Auseinandersetzung.
Wenn die Bibel nicht mehr als unveränderliches Wort Gottes verstanden werden kann, stellt sich die Frage, was an ihre Stelle tritt. Diese Frage lässt sich weder durch eine Rückkehr zu traditionellen Gewissheiten noch durch einen vollständigen Verzicht auf Glauben beantworten. Sie verlangt eine Neubestimmung dessen, was Glaube heute bedeuten kann.
Ein solcher Glaube beginnt mit der Anerkennung von Grenzen. Er verzichtet auf den Anspruch, über Gott eindeutig verfügen zu können. Gott erscheint nicht mehr als klar definierbares Gegenüber, sondern als der Grund der Wirklichkeit, der sich dem menschlichen Zugriff entzieht.[14] Diese Perspektive schützt davor, eigene Vorstellungen zu verabsolutieren.
Gleichzeitig verliert der Glaube dadurch nicht seinen Gehalt. Er verändert vielmehr seinen Schwerpunkt. An die Stelle fester Lehrsätze tritt die Frage nach Orientierung: Was trägt im Leben? Was gibt Halt angesichts von Unsicherheit und Wandel? Glaube wird so zu einer Form des Vertrauens – nicht in fertige Antworten, sondern in die Möglichkeit von Sinn.
Auch die Rolle der Bibel verändert sich in diesem Zusammenhang. Sie wird nicht länger als unfehlbares Regelwerk verstanden, sondern als Zeugnis menschlicher Erfahrung. Ihre Texte eröffnen Perspektiven, stellen Fragen und fordern zur Auseinandersetzung heraus. Ihre Autorität liegt nicht in ihrer Unveränderlichkeit, sondern in ihrer Fähigkeit, immer wieder neu verstanden zu werden.
Ein zentraler Maßstab für diesen Zugang ist die Ethik. Wenn sich die Bedeutung religiöser Aussagen nicht mehr unmittelbar aus ihrer wörtlichen Form ergibt, gewinnt die Frage nach ihren Konsequenzen an Gewicht. Entscheidend ist dann nicht, ob eine Vorschrift überliefert ist, sondern ob sie mit grundlegenden Werten wie Würde, Gerechtigkeit und Verantwortung vereinbar ist.
In dieser Perspektive wird deutlich, dass Glaube und Vernunft nicht im Gegensatz zueinander stehen. Im Gegenteil: Der Glaube ist auf die Vernunft angewiesen, um sich vor Verengung und Dogmatismus zu schützen. Vernunft wiederum gewinnt durch den Glauben eine Orientierung, die über rein funktionale Zwecke hinausgeht.
Eine solche Haltung bedeutet jedoch nicht Beliebigkeit. Sie verlangt vielmehr ein höheres Maß an persönlicher Verantwortung. Wo keine fertigen Antworten vorgegeben sind, wird der Einzelne dazu herausgefordert, eigene Entscheidungen zu treffen und diese zu begründen.
Glaube wird dadurch anspruchsvoller, aber auch ehrlicher. Er besteht nicht mehr im bloßen Für-wahr-Halten von Aussagen, sondern in einer reflektierten Haltung gegenüber der Wirklichkeit. Er ist offen für Zweifel und Veränderung, ohne sich selbst aufzugeben.
In dieser Form kann Glaube auch unter den Bedingungen der Gegenwart Bestand haben. Nicht als System endgültiger Wahrheiten, sondern als offener Horizont, in dem Fragen gestellt und Wege gesucht werden.
Vielleicht liegt gerade darin seine eigentliche Stärke: nicht darin, alle Antworten zu kennen, sondern darin, die Frage nach dem Sinn wachzuhalten.
Die hier entwickelte Perspektive berührt eine Denkrichtung, die in der Philosophie als Deismus bezeichnet wird.[15] Der Deismus geht davon aus, dass es einen Ursprung allen Seins gibt, den wir „Gott“ nennen können, ohne ihn jedoch als unmittelbar eingreifende oder sich eindeutig offenbarende Instanz zu verstehen.
In diesem Verständnis ist Gott nicht derjenige, der fortlaufend in die Welt eingreift oder konkrete Gebote erteilt, sondern vielmehr der Grund der Wirklichkeit selbst. Religiöse Texte erscheinen dann nicht als direkte Mitteilungen Gottes, sondern als menschliche Versuche, diesen Grund zu deuten und zu verstehen.
Eine solche Perspektive steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu traditionellen Vorstellungen von Offenbarung und kirchlicher Autorität. Sie löst jedoch zugleich ein zentrales Problem: die Schwierigkeit, historisch gewachsene und widersprüchliche Texte als unmittelbares Wort Gottes zu verstehen.
Der Deismus ermöglicht es, den Gottesgedanken zu bewahren, ohne an eine wörtliche oder zeitlose Verbindlichkeit religiöser Aussagen gebunden zu sein. Er eröffnet damit einen Zugang zum Glauben, der sowohl mit der historisch-kritischen Erkenntnis als auch mit modernen Vorstellungen von Vernunft und Autonomie vereinbar ist.
Gleichzeitig bleibt auch diese Position nicht ohne Spannung. Ein Gott, der sich nicht konkret offenbart, entzieht sich einer persönlichen Beziehung und wird leichter zu einem abstrakten Prinzip. Damit stellt sich die Frage, ob ein solcher Gottesbegriff dem menschlichen Bedürfnis nach Sinn, Orientierung und Beziehung ausreichend gerecht werden kann.
Gerade an diesem Punkt zeigt sich, dass der Deismus nicht als endgültige Lösung verstanden werden muss, sondern als ein möglicher Denkraum innerhalb einer offenen Auseinandersetzung mit der Gottesfrage.
5. Glaube und Vernunft

Die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft gehört zu den grundlegenden Themen der Geistesgeschichte. Sie entscheidet darüber, ob religiöse Überzeugungen als begründbar gelten können oder ob sie sich jeder kritischen Prüfung entziehen. Die Überlegungen der Aufklärung haben diese Frage neu gestellt – und damit einen Perspektivwechsel eingeleitet, der bis heute nachwirkt.
Einen entscheidenden Impuls gibt Immanuel Kant. Kant zeigt, dass die menschliche Vernunft nicht in der Lage ist, die Existenz Gottes zu beweisen. Damit entzieht er traditionellen Gottesbeweisen ihre Grundlage.[16] Zugleich hält er jedoch daran fest, dass die Idee Gottes eine wichtige Funktion besitzt. Sie ist für ihn nicht Gegenstand des Wissens, sondern der praktischen Vernunft.
Damit verschiebt sich der Ort des Glaubens. Er liegt nicht mehr im Bereich sicherer Erkenntnis, sondern im Bereich des Handelns. Für Kant gewinnt der Gedanke Gottes dort Bedeutung, wo es um Moral geht. Glaube ist in diesem Sinne keine unkritische Übernahme von Lehren, sondern eine vernünftige Haltung, die dem ethischen Handeln Orientierung gibt.
Eine ähnliche Perspektive entwickelt Gotthold Ephraim Lessing. In seiner Vorstellung einer „Erziehung des Menschengeschlechts“ versteht er Religion als einen geschichtlichen Prozess.[17] Wahrheit erscheint nicht als von Anfang an vollständig gegeben, sondern als etwas, das sich im Laufe der Zeit entfaltet. Religiöse Überlieferungen sind damit nicht endgültige Antworten, sondern Stationen eines fortdauernden Lernprozesses.
Diese Sichtweise eröffnet einen wichtigen Zugang für das Verständnis der Bibel. Wenn religiöse Wahrheit geschichtlich vermittelt ist, dann können auch die biblischen Texte nicht als statische Offenbarung verstanden werden. Sie sind Ausdruck eines Weges, auf dem Menschen versucht haben, ihre Erfahrungen mit Gott zu deuten. Gerade darin liegt ihre bleibende Bedeutung.
Im 20. Jahrhundert greift Paul Tillich diese Gedanken auf und führt sie weiter. Tillich versteht Gott nicht als ein einzelnes Wesen unter anderen, sondern als den „Grund des Seins“.[18] Diese Deutung vermeidet die Vorstellung eines klar bestimmbaren Gegenübers und eröffnet eine tiefere, existenzielle Perspektive auf den Glauben.
Glaube bedeutet in diesem Zusammenhang nicht das Für-wahr-Halten bestimmter Aussagen, sondern eine grundlegende Ausrichtung des Menschen. Er richtet sich auf das, was dem Leben letztlich Bedeutung gibt. In dieser Perspektive wird deutlich, dass Glaube und Vernunft keine Gegensätze sind, sondern einander ergänzen.
Die Vernunft schützt den Glauben vor Dogmatismus und Verengung. Sie ermöglicht es, religiöse Überzeugungen kritisch zu prüfen und weiterzuentwickeln. Der Glaube wiederum eröffnet der Vernunft einen Horizont, der über rein funktionale oder technische Fragestellungen hinausgeht. Er stellt die Frage nach Sinn, die sich nicht vollständig rational auflösen lässt.
Aus dieser Verbindung ergibt sich eine Position, die weder im traditionellen Dogmatismus noch in einer vollständigen Ablehnung von Religion aufgeht. Glaube erscheint hier als reflektierte Haltung, die sich ihrer eigenen Voraussetzungen bewusst ist und offen für Kritik bleibt.
Gerade in einer Zeit, in der religiöse Gewissheiten zunehmend hinterfragt werden, gewinnt eine solche Perspektive an Bedeutung. Sie erlaubt es, den Glauben nicht als Gegenmodell zur Moderne zu verstehen, sondern als eine Möglichkeit, sich innerhalb der modernen Welt zu orientieren.
Glaube und Vernunft stehen sich damit nicht unversöhnlich gegenüber. Sie bilden vielmehr ein Spannungsfeld, in dem sich menschliches Denken bewegt. Dieses Spannungsfeld auszuhalten, ohne es vorschnell aufzulösen, könnte eine der zentralen Aufgaben einer zeitgemäßen Auseinandersetzung mit Religion sein.
6. Konsequenzen für Kirche und Gegenwart

Die bisherigen Überlegungen bleiben nicht theoretisch. Wenn die Bibel als gewachsene Wirklichkeit verstanden wird und Glaube sich als reflektierte Haltung begreifen lässt, hat dies unmittelbare Konsequenzen für die Kirche und ihre Praxis.
Die Kirche steht heute vor einer grundlegenden Spannung. Einerseits versteht sie sich als Bewahrerin einer Tradition, die über Jahrhunderte hinweg gewachsen ist. Andererseits ist sie Teil einer sich wandelnden Welt, in der sich gesellschaftliche Vorstellungen von Moral, Identität und Zusammenleben deutlich verändert haben. Diese Spannung lässt sich nicht einfach auflösen, sondern verlangt nach einer neuen Form des Umgangs.[19]
Besonders sichtbar wird diese Herausforderung im Bereich der Sexualmoral. Traditionelle kirchliche Lehren orientieren sich an biblischen Texten, die in einem anderen historischen Kontext entstanden sind. Sie setzen Vorstellungen von Ordnung voraus, die sich nicht ohne Weiteres auf heutige Lebensverhältnisse übertragen lassen. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass Fragen von Identität und Beziehung nicht allein durch normative Vorgaben beantwortet werden können.
Hier zeigt sich ein grundlegender Konflikt: Steht die kirchliche Lehre im Dienst unveränderlicher Normen – oder muss sie sich im Licht neuer Erkenntnisse weiterentwickeln?[20] Diese Frage betrifft nicht nur einzelne Themen, sondern das Selbstverständnis der Kirche insgesamt.
Reformansätze innerhalb der Kirche machen deutlich, dass ein Wandel bereits begonnen hat. Stimmen wie die von Reinhard Marx stehen für den Versuch, die kirchliche Praxis stärker an der Lebenswirklichkeit der Menschen auszurichten.
Die Diskussion um die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ist ein Beispiel dafür, wie sich traditionelle Positionen unter dem Druck neuer Erfahrungen verändern.
Gleichzeitig bleibt die institutionelle Kirche in vielen Bereichen zurückhaltend. Ein Papst – hier „Papst Leo XIV.“ – steht vor der Aufgabe, die Einheit der Kirche zu bewahren. Diese Verantwortung führt oft zu einem vorsichtigen, diplomatischen Vorgehen. Veränderungen werden nicht grundsätzlich abgelehnt, aber auch nicht in der Geschwindigkeit vollzogen, die sich manche erhoffen.
Diese Spannung zwischen Reform und Einheit ist kein Zufall, sondern strukturell bedingt. Eine globale Kirche muss unterschiedliche kulturelle Kontexte berücksichtigen. Was in einem Teil der Welt als notwendiger Fortschritt erscheint, kann in einem anderen als Bruch mit der Tradition wahrgenommen werden.
Dennoch bleibt die Frage nach der Glaubwürdigkeit bestehen. Wenn kirchliche Praxis und gelebte Realität auseinanderfallen, entsteht ein Vertrauensverlust. Eine reflektierte Theologie kann hier dazu beitragen, diese Spannung offen anzusprechen und Wege zu einer verantwortlichen Weiterentwicklung zu eröffnen.
Ein solcher Weg setzt voraus, dass die Bibel nicht mehr als unmittelbare Norm verstanden wird, sondern als Deutungsraum. Ihre Texte müssen im Kontext ihrer Entstehung gelesen und im Licht heutiger Erfahrungen neu interpretiert werden. Dabei geht es nicht darum, alles Beliebige zuzulassen, sondern darum, die grundlegenden ethischen Prinzipien ernst zu nehmen, die sich durch die biblische Überlieferung hindurchziehen.
Zu diesen Prinzipien gehören die Würde des Menschen, die Verantwortung füreinander und die Orientierung an Gerechtigkeit. Sie können als Maßstab dienen, um konkrete Fragen der Gegenwart zu beurteilen. In diesem Sinne wird Ethik nicht aus einzelnen Vorschriften abgeleitet, sondern aus einer reflektierten Gesamtperspektive.
Die Kirche steht damit vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Sie muss lernen, zwischen Tradition und Veränderung zu vermitteln, ohne eines von beidem aufzugeben. Sie ist gefordert, ihre eigenen Grundlagen kritisch zu reflektieren und zugleich ihre Identität zu bewahren.
Diese Entwicklung wird Zeit brauchen und nicht ohne Konflikte verlaufen. Doch sie ist notwendig, wenn die Kirche auch in Zukunft eine relevante Stimme im gesellschaftlichen Diskurs bleiben will.
Die Konsequenz aus diesen Überlegungen ist daher keine einfache Reform, sondern ein verändertes Selbstverständnis. Die Kirche wird weniger als Instanz fertiger Antworten auftreten können und mehr als Raum, in dem Fragen gestellt, Erfahrungen geteilt und Orientierungen gesucht werden.
Gerade darin könnte ihre Zukunft liegen: nicht in der Bewahrung unveränderlicher Formen, sondern in der Fähigkeit, sich im Dialog mit der Gegenwart immer wieder neu zu verstehen.
7. Biblische und historische Vertiefung

Um die bisherigen Überlegungen zu vertiefen, ist ein genauerer Blick auf die inneren Strukturen und Entwicklungen der biblischen Texte notwendig. Die Einsicht, dass die Bibel eine gewachsene Wirklichkeit ist, lässt sich besonders deutlich an ihrer inhaltlichen und literarischen Vielfalt zeigen.[21]
Das Alte Testament entfaltet in seinen Grundzügen eine umfassende Erzählung. Es beginnt mit der Darstellung von Ursprung und Weltentstehung, führt über die Geschichte einzelner Gestalten wie Abraham hin zur Bildung eines Volkes und beschreibt schließlich dessen politische, religiöse und existenzielle Krisen. Im Zentrum stehen dabei Erfahrungen von Aufbruch, Bindung, Scheitern und Neubeginn.
Ein zentrales Motiv ist die Verheißung der Nachkommenschaft Abrahams. Sie entwickelt sich im Verlauf der Texte weiter: von einer zunächst persönlichen Zusage hin zu einer kollektiven Perspektive, die das Volk Israel umfasst. In späteren Deutungen wird diese Verheißung angesichts von Krisen neu interpretiert und teilweise auf eine universale Dimension ausgeweitet. Dieses Motiv zeigt exemplarisch, wie biblische Vorstellungen nicht statisch sind, sondern im Laufe der Zeit eine Veränderung erfahren.
Ein entscheidender Einschnitt für die Entwicklung der biblischen Überlieferung ist das babylonische Exil im 6. Jahrhundert v. Chr. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels stellt nicht nur eine politische Katastrophe dar, sondern auch eine religiöse Herausforderung. Die Frage, wie das Verhältnis zu Gott unter diesen Bedingungen zu verstehen ist, führt zu einer intensiven Phase theologischer Reflexion.[22]
In diesem Kontext entsteht oder wird maßgeblich geprägt, was in der Forschung als deuteronomistisches Geschichtswerk bezeichnet wird. Es umfasst mehrere Bücher des Alten Testaments und interpretiert die Geschichte Israels im Licht eines theologischen Grundprinzips: Treue gegenüber Gott führt zu Segen, Untreue zu Unheil. Diese Deutung ist kein neutraler Bericht, sondern ein Versuch, historische Erfahrungen sinnhaft zu ordnen.
Gleichzeitig bleibt die biblische Überlieferung nicht auf eine einheitliche Perspektive beschränkt. Neben dieser geschichtstheologischen Linie stehen andere Traditionen, die unterschiedliche Akzente setzen.[23] Ein Beispiel dafür ist die Erzählung von Abraham in Genesis 15. Hier steht nicht das Gesetz im Mittelpunkt, sondern das Vertrauen. Die Aussage, dass Glaube als Gerechtigkeit gilt, eröffnet eine Perspektive, die sich deutlich von späteren gesetzesorientierten Deutungen unterscheidet.
Diese Vielfalt lässt sich auch literarisch nachvollziehen. Die Forschung geht davon aus, dass verschiedene Textschichten und Traditionen in die heutige Gestalt der Tora eingeflossen sind. Dazu gehört unter anderem die sogenannte Priesterschrift, die durch ein besonderes Interesse an Ordnung, Struktur und kultischen Regelungen gekennzeichnet ist. Andere Traditionen erzählen anschaulicher und stellen existenzielle Erfahrungen in den Vordergrund.
Die Verbindung dieser unterschiedlichen Elemente zeigt, dass die Bibel nicht aus einer einheitlichen Quelle stammt, sondern aus einem komplexen Prozess der Sammlung, Bearbeitung und Interpretation. Ihre heutige Form ist das Ergebnis bewusster redaktioneller Arbeit, in der ältere Überlieferungen in neue Zusammenhänge gestellt wurden.
Auch der Übergang zum Neuen Testament bestätigt dieses Bild. Die Schriften des frühen Christentums entstehen nicht unabhängig von der jüdischen Tradition, sondern greifen auf sie zurück und deuten sie neu. Die Erfahrung, die mit der Person Jesu verbunden wird, führt zu einer Weiterentwicklung bestehender Vorstellungen.
Diese Entwicklung zeigt sich besonders in der Vielfalt der neutestamentlichen Texte. Die Evangelien bieten unterschiedliche Perspektiven auf das Leben und die Bedeutung Jesu. Die Briefe spiegeln konkrete Herausforderungen und Diskussionen innerhalb der frühen Gemeinden wider. Selbst innerhalb dieser Schriften lassen sich Veränderungen und Spannungen erkennen.
Hinzu kommt, dass auch das Neue Testament das Ergebnis eines Auswahlprozesses ist. Verschiedene Texte standen zur Verfügung, doch nur ein Teil wurde in den Kanon aufgenommen. Diese Entscheidung war nicht rein zufällig, sondern wurde von theologischen, praktischen und historischen Faktoren beeinflusst.
All diese Beobachtungen führen zu einer klaren Schlussfolgerung: Die Bibel ist kein statisches Dokument, sondern ein vielschichtiger, historisch gewachsener Zusammenhang von Texten. Ihre Bedeutung erschließt sich nicht durch isolierte Betrachtung einzelner Aussagen, sondern durch das Verständnis ihrer Entstehung und Entwicklung.
Gerade diese Perspektive ermöglicht einen reflektierten Umgang mit der Bibel. Sie wird nicht aufgelöst, sondern in ihrer Tiefe ernst genommen. Ihre Vielstimmigkeit wird nicht als Problem verstanden, sondern als Ausdruck eines lebendigen Deutungsprozesses.
Damit schließt sich der Kreis zu den grundlegenden Überlegungen dieses Aufsatzes. Die Bibel ist nicht trotz ihrer historischen Gewordenheit bedeutsam, sondern gerade durch sie. In ihr spiegelt sich das Ringen von Menschen um Sinn, Orientierung und die Frage nach Gott – ein Ringen, das bis heute andauert.
8. Offener Glaube

Am Ende dieser Überlegungen steht keine endgültige Antwort, sondern eine veränderte Perspektive. Die Auseinandersetzung mit der Bibel, ihrer Entstehung und ihrer Auslegung führt nicht zu einem einfachen Ja oder Nein zum Glauben. Sie führt vielmehr zu einer Verschiebung: weg von Gewissheit hin zu Reflexion, weg von festen Systemen hin zu einem offenen Verständnis.
Die Bibel ist nicht das, was sie lange zu sein schien: kein einheitliches, unveränderliches Wort Gottes. Sie ist ein vielstimmiges Zeugnis menschlicher Erfahrung, ein historisch gewachsener Deutungsprozess. Doch gerade darin liegt ihre bleibende Bedeutung. Sie zwingt nicht zu Gehorsam, sondern lädt zur Auseinandersetzung ein.
Diese Einsicht verändert auch den Glauben selbst. Glaube kann nicht mehr als das Festhalten an fertigen Wahrheiten verstanden werden. Er wird zu einer Haltung: zu einer Form des Fragens, des Suchens, des Ringens.[24] Er lebt nicht von Gewissheit, sondern von der Bereitschaft, sich auf das Ungewisse einzulassen.
In dieser Perspektive verliert die Frage nach absoluter Wahrheit an Bedeutung. Wichtiger wird die Frage nach Orientierung: Was trägt? Was hilft, menschlicher zu leben? Was führt zu mehr Gerechtigkeit, mehr Würde, mehr Verantwortung?
Die großen Themen der Bibel – Schöpfung, Bund, Hoffnung, Erlösung – bleiben dabei relevant. Doch sie erscheinen nicht mehr als festgelegte Antworten, sondern als Deutungsangebote. Sie müssen immer wieder neu verstanden werden, im Licht der jeweiligen Zeit und der konkreten Lebenswirklichkeit.
Auch die Kirche steht in diesem Spannungsfeld. Sie bewahrt Tradition, ist aber zugleich Teil der Geschichte. Ihre Stärke liegt nicht darin, unveränderlich zu sein, sondern darin, lernfähig zu bleiben. Wo sie sich dieser Aufgabe stellt, kann sie Orientierung geben. Wo sie sich ihr entzieht, verliert sie an Glaubwürdigkeit.
Die kritische Auseinandersetzung mit der Bibel führt daher nicht zur Auflösung des Glaubens, sondern zu seiner Transformation. Sie eröffnet die Möglichkeit, Glauben und Vernunft miteinander zu verbinden, ohne eines dem anderen zu opfern.
In diesem Sinne verstehe ich auch meine eigene Position. Sie ist weder eine Rückkehr zu traditionellen Gewissheiten noch ein vollständiger Abschied vom Glauben. Sie bewegt sich in einem Zwischenraum – offen, suchend, aber nicht beliebig.
Ich glaube, dass es einen Ursprung allen Seins[25] gibt, den wir „Gott“ nennen – nicht als fest umrissene Gestalt und nicht als eine Instanz, die sich eindeutig in der Welt festhalten oder beweisen lässt, sondern als Grund der Wirklichkeit, der sich unserem vollständigen Zugriff entzieht.
Ich glaube, dass dieser Ursprung sich nicht in eindeutigen Offenbarungen erschöpft. Religiöse Schriften – auch die Bibel – sind für mich daher keine unmittelbaren Worte Gottes, sondern Zeugnisse von Menschen, die in ihrer jeweiligen Zeit versucht haben, ihre Erfahrungen mit diesem Grund zu deuten.[26]
Ich glaube, dass Wahrheit sich nicht in fertigen Systemen oder unveränderlichen Dogmen findet, sondern sich im Laufe der Geschichte entfaltet – im Denken, im Zweifel und im Ringen um ein vertieftes Verständnis von Menschlichkeit.
Ich glaube, dass die zentrale Orientierung im Leben nicht aus einzelnen Vorschriften entsteht, sondern aus grundlegenden Prinzipien wie Würde, Verantwortung, Gerechtigkeit und Liebe.
Ich glaube, dass jeder Mensch die Fähigkeit und die Aufgabe hat, diese Prinzipien mit Vernunft und Gewissen zu prüfen und in seinem Leben umzusetzen.
Ich glaube, dass religiöse Institutionen wertvolle Traditionen bewahren, zugleich aber fehlbar sind und sich verändern müssen.
Ich glaube, dass Glaube nicht darin besteht, über Gott sicher zu verfügen, sondern darin, die Frage nach Sinn offen zu halten und sich ihr immer wieder neu auszusetzen.
Ich hoffe, dass in diesem offenen, suchenden und zugleich verantwortlichen Umgang mit der Wirklichkeit etwas von dem sichtbar wird, was wir „Gott“ nennen.
So verstehe ich meinen Glauben: nicht als Besitz von Wahrheit, sondern als Weg – zwischen Vernunft und Vertrauen, zwischen Zweifel und Hoffnung, zwischen Welt und dem, was sie übersteigt.
Damit bleibt am Ende keine fertige Lehre, sondern ein Weg. Ein Weg, der nicht abgeschlossen ist, sondern weitergeht – im Denken, im Leben und im Dialog mit anderen.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Stärke des Glaubens: nicht darin, alles zu erklären, sondern darin, den Raum offen zu halten, in dem Fragen gestellt werden dürfen – und in dem der Mensch sich selbst und die Welt immer wieder neu verstehen kann.
Rainer Langlitz
Literaturverzeichnis
1. Biblische Texte
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2. Theologische und bibelwissenschaftliche Literatur
Augustin, Matthias / Kegler, Jürgen: Bibelkunde des Alten Testaments. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1987.
Becker, Jürgen: Jesus von Nazaret. Berlin: de Gruyter, 1996.
Brantschen, Johannes B.: Warum gibt es Leid? Die große Frage an Gott. Freiburg: Herder, 2009.
Bultmann, Rudolf: Glauben und Verstehen. Bd. 1–4. Tübingen: Mohr Siebeck, 1993.
Bultmann, Rudolf: Theologie des Neuen Testaments. Tübingen: Mohr Siebeck, 1958.
Christophersen, Alf: Sternstunden der Theologie. München: C.H. Beck, 2011.
Conzelmann, Hans / Lindemann, Andreas: Arbeitsbuch zum Neuen Testament. Tübingen: Mohr Siebeck, 1995.
Das Buch Gottes. Elf Zugänge zur Bibel. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1992.
Deschner, Karlheinz: Das Kreuz mit der Kirche. Koblenz: Alibri, 2010.
Drewermann, Eugen: Das Vaterunser. München: Kösel, 1993.
Drewermann, Eugen: Ich steige hinab in die Barke der Sonne. Olten: Walter, 1993.
Drewermann, Eugen: Tiefenpsychologie und Exegese. Bd. 1–2. Olten: Walter, 1992.
Drewermann, Eugen: Wir glauben, weil wir lieben. Düsseldorf: Patmos, 2010.
Drewermann, Eugen: Wort des Heils – Wort der Heilung. Bd. 1–3. München: Piper, 1993–1994.
Heussi, Karl: Kompendium der Kirchengeschichte. Tübingen: Mohr Siebeck, 1991.
Hinck, Valeria: Streitfall Liebe. Dortmund: edition ebersbach, 2012.
Jauss, Hannelore: Der liebebedürftige Gott und die gottbedürftige Liebe des Menschen. Berlin: de Gruyter, 2014.
Küng, Hans: Kleine Geschichte der katholischen Kirche. München: Piper, 2006.
Küng, Hans: Was ich glaube. München: Piper, 2009.
Merkel, Helmut: Bibelkunde des Neuen Testaments. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1992.
Mühlenberg, Ekkehard: Epochen der Kirchengeschichte. Wiebelsheim: Quelle & Meyer, 1991.
von Rad, Gerhard: Theologie des Alten Testaments. Bd. 1–2. München: Chr. Kaiser Verlag, 1992–1993.
Rendtorff, Rolf: Das Alte Testament. Eine Einführung. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1992.
Sölle, Dorothee: Leiden. Freiburg: Herder, 1993.
Stegemann, Hartmut: Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus. Freiburg: Herder, 1994.
Zahrnt, Heinz: Die Sache mit Gott. München: Piper, 1990.
Zahrnt, Heinz: Gott kann nicht sterben. München: Piper, 1970.
Zahrnt, Heinz: Wie kann Gott das zulassen? München: Piper, 1991.
Zenger, Erich: Das Erste Testament. Düsseldorf: Patmos, 1994.
3. Philosophie und Geistesgeschichte
Søren Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1992.
Johann Wolfgang von Goethe: Faust I. Stuttgart: Reclam, 1986.
Seneca: Briefe an Lucilius. Stuttgart: Reclam, 1977–1988.
Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt am Main: Fischer, 1992.
Paul Tillich: Der Mut zum Sein. Berlin: de Gruyter, 1991.
Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Einheit der Natur. München: Hanser, 1974.
4. Anthropologie, Psychologie und Gesellschaft
Graf Dürckheim, Karlfried: Der Alltag als Übung. Bern: Scherz, 1987.
Höhler, Gertrud: Das Glück. Berlin: Ullstein, 1991.
Lütz, Manfred: Irre! München: Kösel, 2011.
Mitscherlich, Alexander / Mitscherlich, Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern. München: Piper, 1977.
Riemann, Fritz: Grundformen der Angst. München: Reinhardt, 1994.
Riemann, Fritz: Die Fähigkeit zu lieben. München: Reinhardt, 2011.
Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden. Hamburg: Rowohlt, 2011.
5. Eigene Publikationen
Langlitz, Rainer: Liebe, Glück, Trost und Freiheit in einer (a-)theistischen Theologie. Münster, 2012.
Langlitz, Rainer: Gott ist Gott – Kommunikation zwischen Gott, Mensch und Welt. Norderstedt, 2016.
Langlitz, Rainer: Die Notwendigkeit der Evolution der Religionen. Norderstedt, 2017.
Langlitz, Rainer: Gott, wie findest du schwulen Sex? Norderstedt, 2019.
Langlitz, Rainer: Die Suche nach Gott als Weg zum eigenen Ich. Norderstedt, 2020.
Langlitz, Rainer: Gott – Mensch – Welt, Norderstedt, 2021.
Langlitz, Rainer: Wer oder was ist Gott? Norderstedt, 2025.
6. Hilfsmittel
dtv-Atlas zur Philosophie. München: dtv, 1992.
dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Bd. 1–2. München: dtv, 1992.
Duden. Das Fremdwörterbuch. Leipzig: Dudenverlag, 1997.
Gemoll, Wilhelm: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. München: Oldenbourg, 1965.
Gesenius, Wilhelm: Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch. Berlin: Springer, 1962.
Herders Großer Bibelatlas. Freiburg: Herder, 1996.
Herders Neues Bibellexikon. Freiburg: Herder, 2009.
Rehkopf, Friedrich: Griechisch-Deutsches Wörterbuch zum Neuen Testament. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1992.
Stowasser, Josef M.: Lateinisch-Deutsches Schulwörterbuch. München: Oldenbourg, 1991.
Anmerkungen:
[1] Langlitz, Liebe, Glück, Trost und Freiheit, 2012.
[2] Rendtorff, Das Alte Testament, 1992;
Zenger, Das Erste Testament, 1994.
Zenger, Das Erste Testament, 1994.
[3] Zahrnt, Die Sache mit Gott, 1990.
[4] Drewermann, Tiefenpsychologie und Exegese, 1992.
[5] Augustin/Kegler, Bibelkunde des Alten Testaments, 1987.
[6] von Rad, Theologie des Alten Testaments, Bd. 1–2, 1992–1993.
[7] Zenger, 1994.
[8] Rendtorff, 1992.
[9] von Rad, 1992.
[10] Rendtorff, 1992.
[11] Zenger, 1994.
[12] Bultmann, Glauben und Verstehen, 1993.
[13] Sölle, Leiden, 1993.
[14] Tillich, Der Mut zum Sein, 1991.
[15] Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, 1992.
[16] ebd.
[17] ebd.
[18] Tillich, 1991.
[19] Küng, Kleine Geschichte der katholischen Kirche, 2006.
[20] Hinck, Streitfall Liebe, 2012.
[21] Augustin/Kegler, 1987.
[22] von Rad, 1992.
[23] Zenger, 1994.
[24] Küng, Was ich glaube, 2009.
[25] Tillich, 1991; Weizsäcker, Die Einheit der Natur, 1974.
[26] Drewermann, 1992.
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