Die Abwägung zwischen Freiheit und Pflicht im demokratischen, diskursiven Dialog

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Die Abwägung zwischen Freiheit und Pflicht im demokratischen, diskursiven Dialog

Rainer Langlitz
Veröffentlicht von Rainer Langlitz in Essays · 17 Oktober 2021
Die Abwägung zwischen Freiheit und Pflicht im demokratischen, diskursiven Dialog
 
 


Einleitung

 
 
Beatus ille, qui procul negotiis,
ut prisca gens mortalium,
paterna rura bobus exercet suis,
solutus omni faenore;
Neque excitatur classico miles truci
neque horret iratum mare
forumque vitat et superba civium
potentiorum limina.

 
(Epodes II, 1-8) [1]

 
 
Beatus qui procul negotiis. "Glücklich ist, wer frei von Aufgaben ist."

 
 
So formulierte es der große römische Dichter Quintus Horatius Flaccus ("Horaz", 65 – 8 v. Chr.) in seiner wunderbaren Epode an Augustus.
 
 
Horaz spricht hiermit die Begeisterung für das Landleben, also fern von der Stadt bzw. den Geschäften, an.
 

Wir alle würden sagen: „Freiheit ist ein hohes Gut.“
 

Gesetze untermauern einerseits diese Freiheit des Einzelnen.

 
Zugleich können Gesetze aber auch die Freiheit des Einzelnen einschränken, ja sogar außer Kraft setzen.
 

In einer Demokratie trifft eine Regierung des Staates Entscheidungen: die Bürgerinnen und die Bürger des Staates geben der Staatsregierung durch demokratisches Stimmrecht die Erlaubnis, Gesetze zu verabschieden und Entscheidungen zu treffen.
 

Was bedeutet eigentlich das Wort „Pflicht“?
 

Wikipedia schreibt dazu in seinem gleichlautenden Artikel „Pflicht“ (Zitat):
 

„Eine Pflicht, alternativ auch ein Sollen oder Müssen genannt, ist eine Aufgabe, Forderung oder Anforderung, die jemandem aus prinzipiellen, persönlichen, situativen oder sozialen Gründen erwächst und deren Erfüllung er sich nicht entziehen kann. Als Pflicht wird insbesondere auch das bezeichnet, was von einer Autorität oder durch ein Gesetz von jemandem gefordert wird und Verbindlichkeit beansprucht.[1] Die Pflicht ist einer der Grundbegriffe der Ethik, in der die Achtung von Pflichten im Allgemeinen als tugendhaft gilt. Bestimmte Pflichten sind auch im Recht, durch eine politische Verfassung oder allgemein durch eine Satzung im soziologischen Sinne vorgegeben. Ebenso können Pflichten in religiösen Vorschriften kodifiziert sein. Andere rechtlich unverbindliche Pflichten sind durch die gesellschaftliche Moral vorgegeben.“
 
 

Zitat Ende.

 
 
Das Wort „Pflicht“ weist also auf ein „Sollen“ und ein „Müssen“ hin!
 

Die Pflicht ist an eine Aufgabe (lat. negotium), Forderung oder Anforderung geknüpft.
 
 

Der große Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) wollte unter Dialektik eine Abwägung von These und Antithese verstehen, die in eine Synthese mündet.
 
 

Zitat aus meinem Blogartikel vom 02. August 2021[2]
 
 

Es gibt niemals nur "A". Und es gibt niemals nur "B".
 

Wenn es aber "A" und "B" gibt und sich "A" und "B" widersprechen, dann bildest du bitte "C".
 
[…]
 

Es geht um einen diskursiven Dialog zwischen:
 
 

"A" ---> These.
 
 

"B" ---> Antithese.
 
 

Aus "A" und "B" ergibt sich schließlich "C" ( = Synthese).
 
 

Entscheidungen sollten immer auf der Basis und nach der Vorgehensweise von "C" innerhalb eines diskursiven Dialogs getroffen werden.
 

[…]
 
 
Wir leben in einer Welt des 21. Jahrhunderts.
 

Man kann sich sicher vorstellen, dass es eine massive Verstrickung auf dieser Welt gibt.
 

Und man kann sich sicher vorstellen, dass es nicht alle (!) immer (!) und ausschließlich (!) gut mit allen (!) Menschen meinen.
 

Gibt es immer nur "A"?
 

Das wäre doch in der Tat etwas zu einfach bis hin zu "naiv" gedacht.
 

Vielmehr müssen mindestens beide Seiten ("A" und "B") gehört und wahrgenommen werden.
 
 

Wie könnte eine ergebnisorientierte Abwägung zwischen Freiheit und Pflicht aussehen?
 
 

Im Folgenden soll eine Abwägung vorgenommen werden zwischen den Begrifflichkeiten „Freiheit“ und „Pflicht“.
 
 
 



These:

 
Ich bin frei - ich muss gar nix! Sterben muss ich …!
 

Die Geburt und der Tod eines Menschen geschehen aus Unfreiheit:
 

Wir werden nicht gefragt, ob wir geboren werden wollen.
 

Wir werden nicht davor beschützt, sterben zu müssen.
 

Uns ist die Freiheit entzogen, über Geburt und Tod entscheiden zu können.
 

Aber es besteht keineswegs die Pflicht, geboren werden zu müssen.
 

Es gibt auch keine Pflicht, Kinder gebären zu müssen.
 
 
 



Antithese:

 
Die zuvor genannte These ist zur bemängeln. Es besteht die Gefahr der Anarchie[3] bzw. der Diktatur.[4]
 
 
 
 



Synthese:

 
Eine Gemeinschaft wie die eines Staates, einer Familie, eines Vereins - einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft - braucht Regeln. Diese Regeln schützen meistens das Recht und die Freiheit des Einzelnen. Insofern sind sie nützlich und sinnvoll.

 
Die Frage ist an dieser Stelle: Wann gerät eine Regel an ihre Grenze? Wann ist also eine Regel in Form beispielsweise eines staatlich verordneten Gesetzes nicht mehr sinnvoll im Sinne der Freiheit des Einzelnen und auch der Gemeinschaft als ganzer?
 

Wir wollen ein paar Beispiele finden:
 

Wann darf der Staat vorschreiben, ob ich dazu verpflichtet bin, meine Organe zu spenden, um das Leben eines anderen Menschen zu retten?
 

Darf der Staat vorschreiben, ob ein Mensch freiwillig und nach bewusster Abwägung in persönlicher Entscheidung sein Leben beenden darf?
 

Darf der Staat, obwohl die Freiheit und die Unversehrtheit anderer Personen nicht tangiert sind, eine Pflicht verlangen?
 
 
Grundsätzlich ist zu fragen mit der Unterstellung, dass es eine Staatsregierung innerhalb einer Demokratie gut mit ihren Bürgerinnen und Bürgern meint:

 
  1. Inwieweit garantieren die Entscheidungen einer Staatsregierung den persönlichen und darüber hinaus auch den gesamt-gesellschaftlichen Frieden bzw. die persönliche und die gesamt-gesellschaftliche Freiheit?
  2. Inwieweit ist die Freiheit des einzelnen an die Freiheit der Gemeinschaft gekoppelt, bedingt und voneinander abhängig?
  3. Wann ist ein heranwachsender Mensch mündig bzw. strafbar? Ab welchem Alter betreffen also die staatlichen Regeln einen Menschen?
     
 

Hegel definierte Freiheit in etwa so:
 
 

„Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.“

 
Leider haben nicht alle Menschen diese Einsicht. Es ist darüber hinaus auch zu fragen: Was ist überhaupt notwendig? Notwendigkeit ist das positive Pendant zu Zwang. Zwang hat eine negative Konnotation.
 

Der große Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804) versuchte einen ethischen Grundsatz aufzustellen, woran wir in der Theorie unser Handeln orientieren sollen.
 

Kant formulierte dazu den Satz:
 

„Handle so, dass die Maxime deines Handelns zu einem allgemeinen Gesetz werden könnte.“
 

Was könnte dabei ein allgemeines Gesetz sein?
 

Wir kennen im deutschen Recht seit 1949 das Deutsche Grundgesetz. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949 ist die Verfassung Deutschlands. Der von September 1948 bis Juni 1949 in Bonn tagende Parlamentarische Rat hat das Grundgesetz im Auftrag der drei westlichen Besatzungsmächte ausgearbeitet und genehmigt.
 

Wir wollen an dieser Stelle nicht auf die religiös bedingten „Zehn Gebote“ eingehen. Letzten Endes sind diese jedoch auch als Versuch zu sehen, eine Regelung für ein menschliches Miteinander zu verschriftlichen in Form von zwei Tafeln, die im Zusammenhang mit den zwei Händen je fünf Fingern gesehen werden können.
 

In einem Online-Artikel[5] von Senem Kaya, der am 20. April 2021 erschienen ist unter dem Titel „Freiheit gegen Pflicht - Finger weg von meinem Körper! Gilt das auch für den Staat?" lässt der Autor zwei Philosophen zu Wort kommen:

a) Dr. Stefan Riedener, Philosoph am Ethik-Zentrum der Universität Zürich.
 

b) Svenja Flaßpöhler[6], Philosophin, Journalistin und Autorin (Link zu Wikipedia, Svenja Flaßpöhler, hier).


 
 
Ich möchte eine längere Passage aus diesem Artikel von Senem Kaya zitieren. In diesem Zitat wird als Beispiel das Thema „Impfpflicht“ thematisiert. Zitat:
 

„Für Flasspöhler ist klar: Wer sich kritisch zeigt gegenüber der Impfung, ist nicht automatisch ein Coronaskeptiker. Jeder Mensch dürfe denken, zweifeln und Nein sagen. Dabei müsse der Wille, sich nicht impfen lassen zu wollen, gerade in einer liberalen Gesellschaft respektiert werden.
 
 
 


Die Impfung als moralische Pflicht
 
Flasspöhler betont: «Wenn wir diese Idee von Autonomie, von Mündigkeit, Liberalismus beibehalten wollen, dann müssen wir erstmal den Menschen als für seinen eigenen Leib verantwortlich setzen». Das Recht auf die Unversehrtheit des eigenen Körpers darf also durch den Staat nicht verletzt werden.
 
Stefan Riedener, Philosoph am Ethik-Zentrum Zürich, stuft dagegen die moralische Pflicht höher ein: Die Impfung ist für ihn mehr als nur Selbstschutz, die ohne Rechtfertigung abgelehnt werden könne. Ohne Impfung sei die Gefahr grösser, andere anzustecken. Deshalb gehe die Immunisierung nicht nur den eigenen Körper, sondern den «gesellschaftlichen Körper» etwas an.
 
 
 


Eingeschränkte Freiheit ist keine Entmündigung
 
Klar ist: der Staat wendet bereits Freiheitsbeschränkungen an, um seine Fürsorge zu demonstrieren. Ob Maskenpflicht, Lockdown oder Helmpflicht fürs Motorradfahren: Möchte Väterchen Staat mit all dem nur das Beste für uns?
 
Stefan Riedener sieht das so: Solange der Eingriff in die eigene Freiheit zugunsten des eigenen Wohls geschehe, ohne fundamental gegen den eigenen Willen zu wirken, sei mit dem Begriff Entmündigung Vorsicht geboten.
 
 
Wie steht es aber mit dem sanften Zwang, wenn Bürgerinnen und Bürger durch einen positiven Anreiz zu einer bestimmten Entscheidung bewegt werden? Wenn etwa bestimmte Freiheiten für Geimpfte gelten sollen, um so die Impfung attraktiver zu gestalten. Ist das weniger entmündigend, als wenn man eine Entscheidung aufgezwungen bekommt?
 
 
 


Nein heisst Nein – auch für den Staat
 
Mündigkeit geht verloren, wenn der Mensch sich seines eigenen Verstandes nicht bedient, sagte der Philosoph Immanuel Kant. Die Frage, wem der eigene Körper gehört, hängt also immer davon ab, ob die Einzelperson von ihrer Autonomie Gebrauch macht. Wichtig sei, die Entscheidung zu hinterfragen, sagt Svenja Flasspöhler. Nur so liesse sich aus eigener Motivation heraus solidarisch an den Nächsten denken.
 


 
Der Staat darf ein fürsorglicher Vaterstaat sein. Er kann Angebote machen, die unsere Körper tangieren. Dies setzt aber voraus, dass den Einzelnen die Möglichkeit eingeräumt werden muss, Nein zu sagen. Trifft der Staat aber diese Entscheidung und übergeht den Willen der Einzelnen, ist das absolute Fremdbestimmung und kann nicht als solidarischer Akt gerechtfertigt werden.“
 
 

Zitat Ende.

 
 
Die Freiheit des Einzelnen ist dort einzuschränken, wo die Freiheit bzw. die Unversehrtheit eines Dritten in Gefahr ist.
 
 

Die Freiheit des Einzelnen ist aber auch zu gewähren, solange die Freiheit bzw. die Unversehrtheit eines Dritten nicht in Gefahr ist.

 
Wir wollen uns noch einmal die beiden Sätze von Hegel und Kant anschauen.

 
1.)  Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.
 
2.)  Handle so, dass die Maxime deines Handelns zu einem allgemeinen Gesetz werden könnte.
 

Wie stark wäre denn eine Einsicht des Volkes in die drei Bereiche:
 

1.)  Wann darf der Staat vorschreiben, ob ich dazu verpflichtet bin, meine Organe zu spenden, um das Leben eines anderen Menschen zu retten? (Organspende)
 
2.)  Darf der Staat vorschreiben, ob ein Mensch freiwillig und nach bewusster Abwägung in persönlicher Entscheidung sein Leben beenden darf? (Selbsttötung)
 
3.)  Darf der Staat, obwohl die Freiheit und die Unversehrtheit anderer Personen nicht tangiert sind, eine Pflicht verlangen? (Impfung auf Pflichtbasis)
 
 
 

Darüber hinaus muss gefragt werden, ob trotz vorhandener Mehrheit innerhalb der Gemeinschaft das Recht des einzelnen auf seine Freiheit eingeschränkt werden darf?
 
 

Die beiden genannten Philosophen, Riedener und Flaßpöhler, finden einen gemeinsamen Nenner bei der Frage, wem der Körper gehört:

„Der Staat darf ein fürsorglicher Vaterstaat sein. Er kann Angebote machen, die unsere Körper tangieren. Flasspöhler setzt aber voraus, dass den Einzelnen die Möglichkeit eingeräumt werden muss, Nein zu sagen. Trifft der Staat aber diese Entscheidung und übergeht den Willen der Einzelnen, ist das absolute Fremdbestimmung und kann nicht als solidarischer Akt gerechtfertigt werden.“
 
 

Ist es überhaupt denkbar und möglich, gemäß Kant und Hegel zu den drei oben genannten Beispielsituationen ein verpflichtendes Gesetz zu den Themen Organspende, Selbsttötung und Impfpflicht zu verordnen?
 
 

Entpuppt sich der demokratisch legitimierte Staat und dessen Regierung, wenn er die Pflicht höher einstuft als die Freiheit, in einer Metamorphose zu einem diktatorischen Regime?
 

"Einigkeit und Recht und Freiheit", so besingen wir Deutsche unsere eigene Nationalhymne.
 

Sie beginnt nicht etwa mit Einigkeit und Recht und Pflicht!
 

Die Pflicht ist ein notwendiges Übel sozusagen, um die Freiheit zu gewährleisten.
 

Aber die Pflicht ist keine naturgegebene Eigenschaft.
 

Tiere kennen so etwas wie eine Pflicht nicht. Sie agieren aus ihrem naturgegebenen Instinkt. Wir Menschen wollen zwar nicht aus Instinkt handeln, sondern aus Vernunft.
 

Wir sollten nicht versuchen, Freiheit und Pflicht gegeneinander auszuspielen, auszustechen. Aber was wir auf keinen Fall tun sollten, ist eine nationalsozialistisch orientierte Pflichtbereitschaft über die Freiheit zu rücken.
 

Die Erfahrung aus der Geschichte lehrt uns, dass die Diktatur nicht gewünscht ist.
 

Die Demokratie und die damit verbundene Freiheit sind unverwechselbar, prinzipiell und uneingeschränkt notwendig. Der Satz von Hegel ist als Axiom zu hören: „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit!“ Darüber hinaus gilt auch der Satz von Kant: „Handle so, dass die Maxime deines Handelns zu einem allgemeinen Gesetz werden könnte.“
 

Das Grundgesetz will die Freiheit und die Würde des einzelnen Menschen als garantiert verankert wissen.
 
 

Wer dieses Prinzip angreift, vergreift sich an unserer demokratischen Grundordnung, die auf Einigkeit, Recht und Freiheit basiert.
 
 

Wir müssen also aufmerksam sein, dass die Demokratie, die im Vergleich zur Anarchie und im Vergleich zur Diktatur vorzuziehen ist, erhalten bleibt.
 
 

Wir müssen dafür sorgen, dass sich eine Staatsregierung nicht zu einem diktatorischen Regime entpuppt, die die Pflicht höher einstuft als die Freiheit.
 
 

Das Sklaventum, die Leibeigenschaft und die Diktatur sind Phänomene der Geschichte, die nicht gut waren und die keineswegs erwünscht sind.
 
 

Wir haben jedoch dazu die Antithese zu hören:
 

Ganz ohne (!) Pflichten kommen wir in einer Demokratie nicht aus.
 

Aber die Pflicht muss der Freiheit untergeordnet sein.
 

„Einigkeit – Recht – Freiheit“ sind zurecht gute Prinzipien einer deutschen demokratischen Grundordnung.
 

Diese Grundordnung darf nicht zu einer Diktatur der Pflicht werden.
 

Es geht um Freiheit und Pflicht. Beides ist wichtig.
 

Aber die Freiheit hat Vorrang und Vortritt vor der Pflicht, wo immer diese Gewährung möglich ist.
 

Die Pflicht stellt zwar eine Notwendigkeit dar, die jedoch nach Hegel lediglich wiederum Freiheit ermöglichen soll. Pflicht ist jedoch kein Prinzip der Natur. Die Natur kennt keine Moral. Moral ist von Menschen installiert, kann jedoch kein Prinzip der Natur sein! Warum kann Moral kein Prinzip der Natur sein? Das Prinzip von Fressen und Gefressen-Werden ist zutiefst unmoralisch. Erdbeben und Naturkatastrophen sind zutiefst unmoralisch, denn sie bedrohen unsere menschliche Existenz; und trotzdem gibt es diese Naturkatastrophen. Moral und Natur gehören nicht zusammen. Eher müsste man fragen, wie pflichtgemäß und damit moralisch der Mensch mit der Natur, aber auch mit sich selbst umgeht.[7]
 

Die einzige Pflicht, die uns Gott und die Natur vorgegeben haben, ist die Pflicht zum Sterben und zum Tod (These). Selbst die Geburt eines Menschen ist keine Verpflichtung. Mit der Geburt erlangt der Mensch Freiheit und Pflicht zugleich.
 

Es ging in dieser Verschriftlichung um die Frage der Abwägung von Freiheit und Pflicht.
 

Wer Einsicht in die Pflicht hat, ist frei. (Hegel).
 

Kann es eine Pflicht geben, meine Organe spenden zu müssen?
 

Kann es eine Pflicht sein, sterben zu müssen?
 

Kann es eine Pflicht sein, mich impfen lassen zu müssen?
 

Die Freiheit (libertas) ist Ausdruck des Guten und damit Ausdruck Gottes.
 

Die Pflicht kommt vom Menschen und ist Ausdruck des Notwendigen bis hin zur Sklaverei.
 

Beides gehört zusammen.
 

Beides gab es in der Geschichte der Menschen.
 

Was ist uns jedoch heute im 21. Jahrhundert wichtiger?
 

Die Freiheit oder die Pflicht?

Die Liebe ist ein Prinzip, das als von Gott kommend gesehen werden muss.

So schreibt der Schreiber des 1. Johannesbriefes im 4. Kapitel im 16. Vers im Neuen Testament:

"Gott ist Liebe."

Die Pflicht führt eher zur Unterdrückung und ist eher mit Moral, Aufgaben bis hin zur Sklaverei und Diktatur in Verbindung zu sehen.

Freiheit ist Ausdruck der Liebe, des Guten und damit Ausdruck Gottes.

Der Tod ist ein notwendiges Übel, das uns jedoch wiederum zur Freiheit in Gott führt in die Ewigkeit Gottes, hinein in den Raum des ewigen Friedens, hinein in die Zeit der ewigen Ruhe.

Ich schließe mit Gedanken aus Ovids Metamorphosen Buch I: Metamorphosen 89-112:

"(89) Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo,
sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.
poena metusque aberant, nec verba minantia fixo
aere legebantur, nec supplex turba timebat
iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti."
[8]

"Als erstes entstand das Goldene Zeitalter, welches ohne einen  Strafvollstrecker, freiwillig und ohne ein Gesetz immer die  Aufrichtigkeit und das rechte Tun hochhielt.
Strafe und Furcht gab es nicht, auch las man keine drohenden Worte, in Erz geschrieben;
keine flehende Menge zitterte vor dem Spruch ihres Richters, sondern alle waren in Sicherheit ohne einen Rächer."

Wie weit wollen wir uns von diesem Ideal wegbewegen?

Gott ist Liebe. Liebe ist eher mit Freiheit als mit Pflicht konnotiert. Die Pflicht ist ein notwendiges Faktum, das der Freiheit vorzuziehen ist und das immer mit Freiheit abzuwägen ist.

Rainer Langlitz
 
 


 
   
 
„Glücklich der Mann, der fern von Geschäften, / wie einst das Menschengeschlecht, / die väterliche Scholle mit seinen Ochsen pflügt, / frei von Schuldenlast; / weder wird er als Soldat vom wilden Signal aufgescheucht / noch vom grollenden Meer verängstigt, / er meidet das Forum und die stolzen Paläste / der Mächtigen.“
 
 
[3] Anarchie bedeutet Herrschaftslosigkeit. Dies wäre ein Zuwenig an Regeln und staatlicher Gesetzgebung.
 
[4] Diktatur bedeutet eine weitreichende Herrschaftsform in Form des unbeschränkten Diktierens und Aufoktroyierens von Regeln, Regelungen, Verordnungen und Gesetzen meist durch eine oder mehrere Personen.
 
 
 
[7] homo homini lupus est. – Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

 
 
 



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